Amerika ist überall

von Carsten Germis

Als Bertolt Brecht 1938 seinen Essay „Über die Popularität des Kriminalromans“ veröffentlichte, konnte er noch schreiben, „wie die Welt selber wird auch der Kriminalroman von den Engländern beherrscht“. Die Liste der Autoren aus dem sogenannten „Goldenen  Zeitalter“ des Krimis bestätigt das: Von den Sherlock-Holmes-Geschichten des Arthur Conan Doyle über die Pater-Brown-Erzählungen Gilbert Keith Chestertons bis zu Edmund C.Bentley, Agatha Christie, Margery Allingham, Dorothy Sayers, Michael Innes, Edmund Crispin und – um nur eine herausragende moderne Autorin zu nennen – bis zur vor zwei Jahren verstorbenen Phyllis Dorothy James reicht die Liste der Autoren, die in der Tradition dieses „Golden Age“ stehen. Bis heute finden diese Autoren weltweit ihre Leser.

Es hat Gründe, dass der Kriminalroman seine erste große Blütezeit in Großbritannien hatte, dessen Empire damals noch die Welt umspannte. England hatte Anfang des 20. Jahrhunderts die entwickelste Volkswirtschaft auf dem Globus. Es war die Zeit, in der naturwissenschaftliche Verfahren und Technik aus den europäischen Ländern heraus die Welt eroberten. Medizin, Chemie und Mechanik spielten eine dominierende Rolle. Die Industrialisierung schien den Vorsprung des Westens auf ewig zu sichern. Fortschritts- und Wissenschaftsgläubigkeit dieser Zeit beeinflussten auch die Konzepte der Kriminalromanschreiber. Die bürgerliche Gesellschaft des Westens schien Siegerin der Geschichte und damit schützens- und verteidigenswert zu sein.

Am Anfang stand die Dime-Novel

Doch schon mit dem Ende des Ersten Weltkriegs verschoben sich in der Weltpolitik – und im Kriminalroman – die Gewichte. „Wie die Welt selber wird auch der Kriminalroman von den Amerikanern beherrscht“, hätte Brecht spätestens seit den 1940er oder 1950er Jahren wahrscheinlich geschrieben. Amerika ist überall, nicht nur als globaler Weltpolizist. Das amerikanische Modell wurde zum Modell für die Welt – erst in Europa, dann mit dem Ende der Kolonialherrschaft auch darüber hinaus. Der amerikanische Kriminalroman, der als „Hard-boiled School“ in den 1920er und 1930er Jahren seinen Siegeszug begann, ist stark von den strukturellen Mustern der Heftchenromane (Dime Novels) beeinflusst, die bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Amerika populär geworden ist. Aktionistische Erzählweise, Dialoge der Straße, Unterhaltung und die nahezu vollständige Verdrängung des für den Detektivromans des „Golden Age“ typischen Rätsel- und Analyseelements zeichnen diese neue Art des Kriminalromans aus. Dashiell Hammett und später Raymond Chandler, aber auch der junge Horace McCoy oder Erle Stanley Gardner gehörten zu den Autoren, die – wie Chandler sagte – den Mord zu der Sorte von Menschen zurückbrachte, die wirklich Gründe haben zu morden.

Die Vereinigten Staaten standen nach dem Sieg gegen Deutschland im Ersten Weltkrieg vor dem Aufstieg zur Weltmacht. Doch für die meisten Amerikaner waren die 1920er Jahre die Zeit der Prohibition, in der sich das organisierte Verbrechen und Bestechung breitmachten und dann die Weltwirtschaftskrise das Land in die tiefste Krise seiner Geschichte stieß. Armut auf der einen Seite und immenser Reichtum auf der anderen, Gewalt, Bandenkriminalität, Korruption bis in die Spitzen der Gesellschaft – eine moralisch erstrebenswerte bürgerliche Ordnung konnte es für Autoren wie Hammett oder Chandler nicht mehr geben. „Es riecht nicht eben angenehm in dieser Welt, aber es ist die Welt, in der Du lebst.“ Chandler drückt mit diesem Satz aus, was die heile Welt des „Golden Age“ vom neuen, realistischen Kriminalroman unterscheidet. Das Vertrauen in die bürgerliche Gesellschaft, das die klassischen britischen Kriminalromane noch auszeichnet hat, haben die amerikanischen Autoren verloren. Der Glaube an die Gültigkeit des eigenen gesellschaftlichen Modells ist zerschlagen, ihnen bleibt wenig mehr, als die Scherben aufzusammeln.

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