Fäden im Morgentau

von Katja Bohnet

Irgendwann muss jeder seinem Schöpfer gegenübertreten. Ich dachte immer, das wäre ein Witz.

Der Salzrand der unzähligen Margaritas hat sich auf meiner Zunge abgelagert. Ich schmatze, schlucke, der Eindruck bleibt. Morgens hat man immer zu wenig Spucke. Ich mache Halt in meinem Hirn. San Francisco. California, USA. Wir sind gestern angekommen. Getrampt, irgendein Trucker hat uns mitgenommen. Wir haben nicht mehr viel dabei. Unsere Rucksäcke haben sich in den vergangenen Wochen geleert. Irgendwann hatten wir kein Geld mehr, sie aufzufüllen. Meine Jeans ist steif vom Dreck. Mein Hemd fleckig. Ich rieche an dem Stoff. Alkohol, Schweiß und ich. Das bin ich, mein Hemd, mein Geruch. Und das reicht, um mich wieder ins Hier und Jetzt zu holen. Ich schlage die Augen auf: Park, Grünanlage, Baum. Sonne in staubigen Streifen wie Lichtstraßen zwischen den Blättern. Mein Rucksack ist noch da, unter meinem Kopf. Fucking unbequem. Jetzt tun mir die Schultern weh. Mein Rücken, mein Arsch, meine Waden sind feucht. Der Morgentau hat sich durch die Fäden geschlichen. Ich stehe auf, sehe mich um.

    Conny. Warum er auf diesen Mädchennamen hört, verstehe ich bis heute nicht. Irgendwann gewöhnt man sich wohl an alles. Er schläft noch. Ich schubse ihn mit dem Fuß. Aber Conrad Meyer dreht sich einfach noch mal um. Ein Lichtstrahl fällt direkt in mein Auge, blendet mich. Da stehe ich in dieser scheiß Stadt, in diesem scheiß Park und habe trotzdem keine Ahnung, wo ich eigentlich bin.

 

„Ausweise?“

    Conny und ich legen unsere Reisepässe auf den Tresen. Der Typ besteht darauf, die Passnummern selbst zu notieren. Als hätte ihn die Arbeit in einem Hostel von Natur aus skeptisch gemacht. Wir schweigen, sehen zu, wie er unter dem Vorhang seiner fettigen Haare Zahlen in das System hackt. Heute braucht keiner mehr einen Stift. Der Tresen: Holz. Hinter dem Typen an der Wand: Holz. An der Decke: Holz. Hässlicher geht es nicht. Wir übernachten nur in den billigsten Absteigen.

    Er gibt uns einen Schlüssel. „Dritter Stock, Nr. 356, links den Gang runter.“ Er schaut nicht mal auf.

    Wir gehen die Treppen hoch. Amerikaner stehen auf Teppichböden. Einer bunter gemustert als der andere. Ich habe tatsächlich Albträume, in denen ich von den schrillen Ornamenten blind werde. Ich schreie dann und irre orientierungslos mit ausgestreckten Händen umher. Irgendwann falle ich, werde von bunten Polyesterfäden vergewaltigt. Nach dem Teppich zu urteilen, könnten wir in einem Casino sein. In Las Vegas sieht‘s auf dem Boden auch nicht anders aus. Aber der Rest um uns herum ist San Francisco: Dreck, Armut, Arbeitslosigkeit vor einer hübschen Kulisse. Das Wetter ist toll. Man merkt hier drinnen nur nichts mehr davon. Auf dem Weg nach oben zähle ich zwei Fenster. Beide sind mit Sperrholzplatten zugenagelt. Im zweiten Stock gibt es nur noch zwei Lampen im Flur, im dritten Stock nur noch eine. Ich bin froh, dass wir nicht im vierten wohnen. Nachdem wir uns einmal verlaufen haben, stehen wir vor drei-fünf-sechs. Den Schlüssel brauchen wir nicht, die Tür ist auf. Wir gehen rein. Conny stellt seinen Rucksack ab, wir sehen uns um.

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