Amerika

von Thomas Wörtche

Der US-amerikanische Buchmarkt diktiert den deutschen. Was dort Welle, Trend und verkaufsträchtig ist, wird bei uns nachgebaut, kloniert und multipliziert. Außerdem, so hört man immer, wieder wird viel zu viel aus dem Amerikanischen übersetzt und verstopft bei uns die Programmplätze für einheimische Produkte. Amerikanische Schreibweisen dominieren die ganze Welt – ästhetisch macht es keinen Unterschied, ob ein Roman aus Australien kommt, aus Kanada, aus Südafrika, aus Kuba. Lokales ist nur Kolorit. Selbst die Schweden-Welle begann mit einer Ed McBain-Variation (also mit Sjöwall/Wahlöös „Soziologisierung“ McBains). Alles andere ist Ableitung: Privatdetektivromane, cop novels, Psycho-Thriller, Serialkiller-Romane, legal thriller und Forensiker-Geschichten, nicht zu vergessen true crime, noir mit und ohne country – alles amerikanische Blueprints. Die paar Briten unter den Polit-Thriller-Autoren kann man angesichts der Verkaufszahlen von Ludlum und Clancy glatt vergessen. Kulturimperialismus pur. Perfektes Futter für Leute, die die USA sowieso nicht mögen. Wenn auch aus politischen Gründen, aber Kultur ist halt auch nicht unpolitisch. Burger King, Guantanamo, Donald Trump und James Patterson. Kotzwürg.

    Aber, sagt man auch: Das ist alles gut und richtig so, denn vor allem die Deutschen, sie können es einfach nicht wirklich. Deswegen machen sich die Amis gar nicht die Mühe, wichtige deutsche Kriminalliteratur für ihren Markt zu übersetzen. Warum auch, wenn das sowieso nur Klone der eigenen Produktion sind?

Man kann diese Einschätzungen auf jedem gewünschten intellektuellen Level haben – als Frustgejammer unbedeutender deutscher Autoren (die damit letztendlich nur beklagen, dass schlechte amerikanische Romane hier eine größere Marktpräsenz haben als schlechte deutsche, was man in der Tat betrüblich finden kann, wenn man auf schlechte Romane steht. Obwohl, man müsste mal durchzählen …), bis hin zu Jean Baudrillards Notizen aus dem Reagan-„Amerika“ (1986). Der notierte nämlich, weniger kulturpessimistisch als fatalistisch damals: „Amerikaner haben wie viele andere keine Lust, sich die Frage zu stellen, ob sie an die Verdienste ihrer Machthaber und an die Realität der Macht glauben oder nicht … Sie tun lieber so, als glaubten sie daran, unter der Bedingung, dass man ihre Gläubigkeit gut verwaltet.“ Kurzschluss zur Kriminalliteratur: Der Verzicht auf kritische Nachfrage führt im Falle der crime fiction zu den abertausenden von polizeifrommen Narrativen über edle Cops und Sheriffs, aufrechte Anwälte, wackere FBI-Profiler und hartnäckige CSI-Teams, systemgläubige CIA-Agenten und Special Forces. They always get their men, letztendlich. Und das ist eine hohle Warnung, die auf nichts anderem basiert als auf stumpfer Gläubigkeit. Gerade für die deutsche Produktion sollte man diese Erfolgsdynamik nicht unterschätzen. Bis auf einen Hauch Symptomkritik im „Tatort“ oder anderen Projekten und dem einen oder anderen unartigen, aber letztendlich doch umso glühender das Verbrechen bekämpfenden Polizisten, hat sich, sehr gut amerikanisch, auch die deutsche Kriminalliteratur in der gut verwalteten Gläubigkeit nett eingerichtet – noch bis zum blödesten Allgäuknödelostfriesenregioschenkelklopfschafkrimi, aber bei weitem eben nicht nur dort, sondern auch in „seriöseren“ Konzepten kann man diese fromme Fokussierung auf die Ordnungsmacht „Polizei“ fassungslos bewundern und sich fragen, was mit dem Reflexionsniveau dieses Landes los ist. Denn diese kreuzbrave, saturierte Fokussierung ist ja selbst auch nur ein Bausteinchen einer allgemeinen psychopolitischen Gläubigkeit, es sei schon alles gut verwaltet und funktioniere, wenn auch manchmal (the human factor) holprig, doch.

     weiterlesen