Drei Thesen zur Krimikritik in Deutschland

von Carsten Germis

Ein Heft zur Krimikritik? Kaum eine Aufgabe ist so heikel, wie über Kritik und Kritiker zu schreiben. Der Kritiker ist schließlich ein Mensch, der ernst genommen werden will. Das tut er selbst bekanntlich schon zur Genüge. Und der Kritiker ist wichtig, für Autoren allemal. Kritikerlob baut auf. Schlimmer noch als ein Verriss ist es für Autoren, gar nicht erst zur Kenntnis genommen zu werden. Vor allem aber ist der Kritiker wichtig für die Leser. Die suchen im Wust des Angebots in den Krimiregalen schließlich nach Maßstäben für Qualität und nach Orientierung. Zur Lage der Krimikritik drei Thesen:

These 1: Noch nie waren die Voraussetzungen für die Krimikritik so gut wie heute.

Der Kriminalroman verkauft sich gut – weltweit. Unter der Überschrift „Die Krimiflut“ hat das „Börsenblatt“ des deutschen Buchhandels in einem Spezial Krimi und Thriller gerade wieder beeindruckende Zahlen für den deutschen Markt vorgelegt. Die Neuausgaben gebundener Bücher – bei Krimis sind sie schwerer durchzusetzen, weil nicht alle Leser bereit sind, für Unterhaltungsliteratur 20 oder gar mehr Euro auf den Tisch zu legen – verharren zwar in den vergangenen Jahren zwischen 600 und 700 im Jahr. Doch selbst das sind fast zwei neue Titel täglich. Dazu kamen 2015 genau 2.793 neue Taschenbuch-Krimis, ein Sprung um mehr als 500 im Vergleich zum Vorjahr. Die Produktion elektronischer Krimis explodierte sogar von 2.045 im Jahr 2011 in nur fünf Jahren auf 6.486. Kriminalromane werden also gelesen. Wer abends den Fernseher einschaltet, kommt ebenfalls auf seine Kosten. Zu Zeiten, an denen einst „Der Blaue Block“, das heitere Berufe-Raten, Wissenssendungen oder experimentelle Fernsehspiele liefen, wird heute auch im gebührenfinanzierten Staatsfernsehen fast nur noch entführt, gemordet und gemeuchelt.  Neben den hohen Stapeln Neuerscheinungen bekannter Erfolgsautoren – die Liste reicht vom skandinavischen Thrillerstar Jussi Adler-Olsen bis zum schenkelklatschend-komischen deutschen Regiokrimi à la "Leberkäsjunkie" oder "Sauerkrautkoma" von Rita Falk – buhlen Monat für Monat Hunderte Krimis um die Aufmerksamkeit der Kritiker, deren Autoren hoffen, mit ihren Büchern wenigstens durch gute Besprechungen den Weg in Buchhandlungen zu finden. Gut ist bei Krimis ökonomisch gesehen erst einmal das, was Leser in Massen kaufen. Nur – Umsatz und Profit sind nicht alles. Nicht minder wichtig sind die literarischen und ästhetischen (oft auch politischen) Kriterien, an denen sich Krimikritik orientiert (oder ausrichten sollte).

Das Angebot ist also da und es ist größer denn je. Es gibt Bücher, es gibt Leser. Das zeigt ein riesiges Interesse an dieser Art von Genreliteratur. Gute Zeiten sind das für die Krimikritik, sollte man meinen. Schließlich geben die Kritiker den Lesern und Krimifreunden Orientierung – oder sollten sie zumindest geben wollen. Dazu gibt es seit Jahren erfolgreich die „Krimi-Bestenliste“ der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ – die sich selbst als Avantgarde der Krimikritik versteht.  Die Kritiker, die diese Liste jeden Monat erstellen, geben oft den Trend vor für andere, die über Krimis schreiben. Und über Kriminalromane berichten die Medien heute mehr denn je. Selbst die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ hat seit einigen Jahren regelmäßig eine Krimiseite im Feuilleton (viel zu selten). Die „Süddeutsche Zeitung“ legt immer mal wieder Sonderbeilagen zum Krimi bei – dazu kommen zahlreiche Sendungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Der "Tatort" der Woche wird oft schon kritisiert, bevor er überhaupt gesendet wurde. Viele Regionalzeitungen besprechen Krimis in ihrem Literaturteil. Die Klagen vergangener Zeiten, dass Kriminalliteratur von der Kritik ignoriert wird, ist lange schon überholt: Neben den etablierten Medien bieten im Internet  zudem Portale wie „kaliber .38“ oder die regelmäßigen Krimi-Ausgaben der „CulturMag“ in großer Zahl mehr oder minder anspruchsvolle Kritiken der neuesten Krimis oder Thriller. Dazu kommen Blogger. Auch auf der Angebotsseite, sollte man meinen, steht es so gut um die Krimikritik wie nie.

     weiterlesen