Eine Liebeserklärung

Von Sonja Hartl

„Die Kritik ist die Kunst zu lieben“, schreibt der französische Filmkritiker Jean Douchet in seinem Essay „Die Kunst zu lieben“. Doch genau diese Verbindung von Liebe und Kritik scheint in der Wahrnehmung vieler aus dem Blick geraten zu sein. Sicherlich mussten sich Kritiker_innen schon immer vorwerfen lassen, sie seien ignorant, dumm, borniert und verblendet, weitaus schwerer wiegt aber die oftmals dahingeworfene Einschätzung, Kritiker_innen verabscheuten die von ihnen kritisierte Kunst. Jedoch ist Kritik eine Form der Liebe, die nicht Affirmation, sondern Auseinandersetzung meint – und hinter der sich womöglich eine Einstellung zum Leben verbirgt. Schließlich kritisieren wir oft, was oder wen wir am meisten lieben.

Kritik „ist die Frucht einer Leidenschaft, die sich nicht selbst verzehrt, sondern die Kontrolle einer wachen Luzidität anstrebt“ (Douchet). Deshalb geht es in der Kritik um die Balance zwischen Leidenschaft und Bewusstsein, zwischen Hingabe und Reflexion. Ein_e Autor_in steckt in ein Buch Zeit, Mühe, Arbeit und Leidenschaft. Wenn ich ein Buch kritisiere, dann stecke ich in die Lektüre und die Kritik Zeit, Mühe, Arbeit und Leidenschaft. Weil ich das Werk respektiere, es ernst nehme und glaube, dass durch Kritik Kunst vermittelt wird – nicht im Sinne von „erklärt“, sondern im Sinne von „darauf aufmerksam gemacht“. Die Kritik ist ein Teil der kulturellen Öffentlichkeit. Jedoch bedeutet Leidenschaft für die und Liebe zu der Kunstform nicht automatisch auch Lob. Vielmehr geht es um das Verstehen des Werks, um die Auseinandersetzung mit ihm, um das Einordnen innerhalb eines Kunstzweigs. Und das führt zu einem großen Missverständnis über die Funktion und die Grenzen der Kritik: Kritik ist niemals objektiv. Natürlich spielen Lebens-, Lektüre- und Seherfahrung und -sozialisation eine Rolle. Damit ist nicht meine Laune an dem Tag gemeint oder die Frage, ob ich die Pressebetreuung erfolgreich angeflirtet habe, wie Jesse Eisenberg einst in seinem Beitrag im New Yorker nahelegte, sondern eine Kritik verrät immer etwas über ihren Verfasser, über seinen Bezug zum Werk, seine Haltung gegenüber der Welt. Damit ist nicht der persönliche Geschmack gemeint, sondern eine Kritik verrät den Weg, mit dem sich ein_e Kritiker_in dem Werk angenähert und es erfahren hat, verrät die Versuche, den Kern des Werks zu begreifen. Deshalb lassen sich auch keine harten, universellen Kriterien für einen „guten“ Film, ein „gutes“ Buch aufstellen. Jedes Werk ist anders. In einer guten Kritik lassen sich daher die Einschätzungen nachvollziehen, ohne dass ihnen zugestimmt werden muss. Denn es geht nicht um Konsens. Konsens um des Konsenses willen ist Stillstand.

Heutzutage wird aber kaum mehr über die Kritik an sich gesprochen, sondern mehr über ihren Untergang sowie die Rahmenbedingungen, in denen sie stattfindet. Damit sind noch nicht einmal die prekären Arbeitsverhältnisse gemeint, die allein schon manche Vorurteile gegenüber der Kritikerzunft absurd erscheinen lassen, sondern die „Privilegien“, die mit der Arbeit als Kritiker_in verbunden sind. Über Einladungen, kostenlose Leseexemplare und Pressevorführungen. Daraus wird mitunter abgeleitet, man müsse dankbar oder wohlgesinnt sein – allerdings ist das ungefähr so, als würde man zu einem Fliesenleger sagen, er solle sich freuen, dass er die Fliesen bezahlt bekommt, die er verlegt. Denn Kritik ist weder der verlängerte Arm der PR (obwohl sie gelegentlich so erscheint) noch ein Service am Rezipienten – das sind Bewertungen bei Amazon oder der beliebte Daumen-hoch-Daumen-runter in Magazinen, das ist Servicejournalismus. Kritik ist eine fundierte Auseinandersetzung mit dem Werk, dazu gehört nicht, einem potentiellen Rezipienten zu sagen, ob ihm der Film oder das Buch gefällt. Zum einen wäre das anmaßend. Sicherlich kann ich – sofern ich den Lese- und Sehgeschmack kenne – im Gespräch durchaus versuchen einzuschätzen, ob meinem Gesprächspartner bestimmte Bücher gefallen. (Gerade im Krimi vertrete ich die These, dass es den richtigen Krimi für jede_n Leser_in gibt, die meisten haben ihn nur noch nicht gefunden.) Aber es gibt nicht „die Zuschauer“, „die Leser“, sondern bestimmte Zielgruppen, die das Medium mit dieser Form des Servicejournalismus bedienen will. Zum anderen muss sich ein Kritiker nicht am Geschmack der Mehrheit orientieren. (Und ja, das mag elitär klingen.)

     weiterlesen