Mehr Risiko!

von Sonja Hartl

 

Was will der Leser? Wenn ich mich mit „dem Leser“ gleichsetze, ist die Antwort einfach: gute Bücher. Bücher, die mich überraschen, herausfordern, meine Weltsicht verändern. Deshalb brauche ich keine Big-Data-Algorithmen von Amazon, die für mich Bücher heraussuchen, die mir gefallen könnten. Deshalb macht es mir Angst, dass „Ähnlichkeit“ ein Kriterium für meine Buchauswahl sein soll – oder gar gemessen wird, welche Stellen mir beim Lesen besonders gut gefallen, damit Autoren ähnliche Sachen schreiben. Wir stecken doch alle ohnehin schon in einer Filterblase. Klar ist es praktisch, dass Google ahnt, dass ich bei dem Suchwort „Playback“ eher den Chandler-Roman als die Tonaufnahmetechnik suche – aber hier ist mir bewusst, dass damit mein Zugang zu Informationen manipuliert ist (Google würde sagen „vereinfacht“). Bei Büchern will ich das nicht. Hier will ich das Unverstellte, Unbequeme, Ungewöhnliche.

    Aber ich will diese Bücher nicht alle erst selbst suchen müssen. Vielmehr sollen Verlage sie für mich finden. Deshalb ist eine der wichtigen Aufgaben von Verlagen, Manuskripte auszuwählen. Das bedeutet nicht, dass nicht auch im Selbstverlag gute Bücher entstehen können oder Autor_innen verkannt, übersehen, verhindert werden. Es gibt hier kein Gegeneinander, kein Aufrechnen, sondern einen kaum zu überblickenden Markt, den Verlage für mich zum Teil sortieren. Daher fungieren sie beim Kauf als Orientierungshilfe, sollen Auffindbarkeit in Vielfalt ermöglichen. Sicher bekomme ich bei Rowohlt von Paul Auster bis zu Max Annas sehr viele Arten Literatur, aber ich weiß, dass ich einen Noir-Roman bei Pulp Master und weniger bei Schöffling suchen sollte.

    Allerdings kann ich mich nicht mit „dem Leser“ gleichsetzen, der ohnehin mehr eine Modellgröße ist. Jede_r Leser_in sucht anderes in Literatur – Ablenkung, Information, Erbauung oder eben Herausforderndes, Erhebendes – und demnach auch andere Literatur. Daher ist einer der größten Fehler, den Verlage machen können, zu ähnliche Arten von Literatur zu verlegen. Es ist wie beim Autokauf: Mein Bedürfnis ist Mobilität, aber während einige es mit einem Kombi stillen, bevorzugen andere den Kleinwagen. Und noch andere wollen gar kein Auto, sondern fahren Fahrrad oder nutzen öffentliche Verkehrsmittel. Das bedeutet aber nicht, dass der Fahrradfahrer nicht auch mal Auto fährt. Und ebenso will die Serienkillerslasherleserin vielleicht auch einen Häkelkrimi lesen.

    Blicke ich auf den Buchmarkt, scheint es den Verkaufszahlen nach mehr Leser_innen zu geben, die Bücher von Sebastian Fitzek kaufen als von Sara Gran. Verlage müssen Bücher verkaufen, damit sie Geld verdienen. Sie sind – bei allen ehrenwerten Hintergründen und Antrieben – Wirtschaftsunternehmen, die von der Literaturproduktion leben und ihre Mitarbeiter bezahlen müssen. Um dieses Ziel nun zu erreichen, wäre es am leichtesten, sich dem Publikumsgeschmack zu fügen und das zu veröffentlichen, was die Mehrheit der Leser_innen wahrscheinlich kauft. Deshalb ist es ökonomisch nachzuvollziehen, dass versucht wird, Erfolgsformeln zu kopieren.

     weiterlesen