Wie geht Buchmarkt 4.0?

von Carsten Germis

 

Zur Buchmesse in Leipzig im März haben die Literaturredakteure im Feuilleton der Frankfurter Allgemeine Zeitung unter der Überschrift Wie geht Bestseller? die Lage auf dem deutschen Buchmarkt beleuchtet. So schreibt Hannes Hintermeier dort über den Krimi unter anderem, dass es Autoren, die schriftstellerische Risiken eingehen, selten an die Spitze der Bestsellerlisten schaffen.

    „Die wirklich guten alten wie neuen Autoren sind zwar Kritikerlieblinge, führen aber auflagenmäßig ein Schattendasein“, meint er.

    Ausnahmen bestätigen die Regel. Der Erfolg bei Lesern, ob ein Buch zum Bestseller wird oder nicht, das hängt heute oft mehr vom teuren Marketing und davon ab, ob der Autor einen marktgängigen klaren Konzeptkrimi geschrieben hat. Gelingt das nicht, ist man schnell verbannt aus den Regalen und von den Büchertischen der großen Buchverkaufsketten.  Selbst Altmeister des Genres wie der 77 Jahre alte New Yorker Autor Lawrence Block, der in den 80er und 90er Jahren auch in Deutschland sehr populär war, bekommen das zu spüren. Block hat seine Konsequenzen gezogen – und veröffentlicht seine Backlist und manches seiner neuen Bücher seit einigen Jahren mit Hilfe von Apple und Amazon im eigenen LB-Verlag – in Amerika mit ziemlichem Erfolg.

    Beide, die etablierten Großverlage wie die großen Buchhandelsketten, folgen in den Vereinigten Staaten  und in Deutschland immer stärker dem Weg, den der Massenmarkt ihnen weist. Bloß keine Experimente! Wenn große Verlage ihren gesamten Marketingetat nur auf drei Spitzentitel konzentrieren, hat das Folgen. Wenn diese Spitzentitel – weil sie oft von bereits am Markt durchgesetzten Autoren stammen – dann auch noch auf gängige Erfolgsrezepte wie den immer wieder „neuesten Ermittler“ aus der französischen Provinz, den noch brutaleren Serienkiller oder auf eine andere „Was-jetzt-gerade-in-Ist“-Mode setzen, dominieren sie die Büchertische von Flensburg bis Passau. Engagierte, experimentierfreudige Verlage wie Pendragon, Grafit, Nautilus, Ariadne, Polar, Pulp Master – um nur einige zu nennen – schaffen es oft nicht einmal, bei der gigantischen Überproduktion an Kriminalromanen überhaupt in die Buchhandlungen zu kommen. Was Leser dort nicht finden können, können sie aber auch nur schwer entdecken.

    „Das hat in dritter Generation dazu geführt, dass weder Skandinavier noch Angelsachsen mit ihrem Psychothriller-Erbauftrag von Serienkillern und ermittelnden Forensikern lassen können“, schreibt Hintermeier in seiner Analyse.

    Drei Entwicklungen bestimmen den Buchmarkt heute stärker denn je.

    1) Es gibt gerade im Krimigenre eine gigantische Überproduktion. Oft erscheinen in einem Monat mehr als 100 Titel. Wer sich auf den Internetseiten der Krimibuchhandlungen die Liste der Neuerscheinungen anschaut, bekommt schnell einen Eindruck von dem Krimi-Tsunami, der Monat für Monat über die Buchhändler hinwegrollt. Die Zahl der Autoren, die  allein in Deutschland Kriminalromane schreiben, geht mittlerweile in die Hunderte. Im Syndikat, der Vereinigung deutschsprachiger Krimiautoren, sind gut 750 Mitglieder registriert. In den 1960er Jahren, als der – wie er damals genannt wurde – neue deutsche Krimi in der alten Bundesrepublik neben die Übersetzungen bekannter Autoren aus dem Amerikanischen oder dem Englischen trat, waren es gerade mal ein Dutzend Autoren, berichtet Irene Rodrian. Rodrian, die erste westdeutsche Krimautorin, wurde von der Kritik damals als neue Patricia Highsmith gefeiert.

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