Was können Verlage, was will das Lesepublikum?

von Thomas Wörtche

 

Ach, die Polar Gazette und ihre manchmal gefährlichen Themen. Welche Kriminalliteratur wollen Leser und Leserinnen, was machen Verlage richtig, was machen sie falsch? Da kann man eigentlich nur in Fallen und Fettnäpfchen tappen. Entweder es kommt eine Publikumsbeschimpfung dabei raus oder Schulmeisterei oder Klugscheißern. Man kann sich ein paar Hirnlappen wegschneiden und alles toll finden. Oder einen auf Radikalinski machen und alles als ganz furchtbar schlimm in die Tonne treten. Für beide Haltungen gibt es genügend Beispiele, irgendwo zwischen Frühstücksbüffet, Plapper-Radio, Fan- und Sektiererblogs. Beide Positionen sind so, naja, amüsant wie sinnfrei. Und beide verweisen auf etwas Grundsätzliches. Die eine Partei sieht „Erfolg“ als Qualitätsmerkmal, die andere hat eine dogmatisch feste Vorstellung von der „reinen Lehre“, die mit Zähnen und Klauen verteidigt werden muss. Danach ist dann die Einschätzung, welche Verlage, was richtigmachen, ganz einfach.

    Alles richtig machen Verlage, die dem Publikum geben, was das Publikum will: Klaus-Peter Wolf, Nele Neuhaus, Sebastian Fitzek, Elisabeth Herrmann, James Patterson, jede Menge Frauenspannung und Touri-Krimis von der Etsch bis an den Belt. Und so weiter. Alles falsch machen alle anderen, die nur Lese-Minderheiten bedienen und deswegen nie auf einen grünen Zweig kommen mit ihrem düsteren, komplizierten Zeug, mit dem sich kein Mensch identifizieren kann. Oder nur die, die sich als (gerade meine verbalen Lieblingsabscheulichkeiten) „Krimi-Kenner“ und „Krimi-Feinschmecker“ bezeichnen.

    Das stimmt natürlich so nicht. Tatsächlich hängt alles vom Bezugsrahmen ab: Wenn man Literatur, also auch Kriminalliteratur als Produkt betrachtet, ist alles richtig und gut, was Umsatz und Profit optimiert. Das betriebswirtschaftliche Denken, nicht literarisch-ästhetische Kriterien, dominiert. Die Welt, die nach diesen Parametern entsteht, braucht keinen Kafka, keinen Hammett, keinen Leonard Cohen, keinen Glenn Gould. Wozu auch, wenn´s auch Zwergensagas, Donna Leons, Helene Fischers und André Rieus gibt. DJ Ötzi ist millionenfach erfolgreicher als Billie Holiday. Und „Mein Kampf“ wurde von Millionen Menschen gelesen. So kommen wir nicht weiter. Und umgekehrt genauso wenig: Nicht alles, was sich nicht verkauft, ist deshalb genial. Das ist bloß das beleidigte Mantra von Obskuranten, Wannabes und Amateuren aller Couleur. Aber für die gibt es ja die schöne und sinnvolle Welt der Selfpublisher, eigentlich eine bukolische Oase und Spielwiese für autotherapeutisches Schreiben. Und auch da wieder: Es gibt Ausnahmen. Vom Tellerwäscher-zum-Millionär-Narrative halten das Spiel im Gang. Selbst wenn man, formal gesehen, alles falsch macht.

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