Die zwei Seiten des Verrats

Es ist das Schweigen, das viele Geschichten im Dunkeln hält. In Andreas Kollenders „Kolbe“ hofft ein Journalist darauf, dass Fritz Kolbe sein Schweigen beenden und von seinem Leben erzählen wird. Mittlerweile lebt Kolbe in der Schweiz und versteckt sich, weil er weiß, dass es immer noch Menschen gibt, die fürchten, dass er abermals reden wird. Denn Fritz Kolbe war ein Spion. Er war kein furchtloser James Bond, kein genialer George Smiley oder gerissener Kim Philby, sondern schlicht und einfach ein Beamter im Auswärtigen Amt zur Zeit des Dritten Reiches. Angetrieben von der Überzeugung, gegen Hitler etwas ausrichten zu müssen, ist er aus dem diplomatischen Dienst in Südafrika nach Berlin zurückgekehrt und hält – im Gegensatz zu seinem Vorgesetzten, der sich in Lethargie flüchtet – an diesem Vorhaben fest. Geduldig wartet er auf seine Chance. Als er schließlich Zugang zu geheimen Dokumenten bekommt, nutzt er eine Dienstreise in die Schweiz, um Dokumente aus dem Amt zu schmuggeln, indem er sie an seinem Bein festbindet und über die Grenze bringt. Dort nimmt er erst Kontakt zu den Briten auf, die ihm nicht glauben, dann zu den USA. Tatsächlich ist die dortige Stelle interessiert – und damit beginnt der Amateur so brisante Unterlagen in die Schweiz zu schaffen, dass sie zu gut erscheinen, um echt zu sein. Läge Andreas Kollenders Roman nicht die wahre Geschichte Fritz Kolbes zugrunde, würde man angesichts dieses fast schon dilettantischen Verhaltens der Spionagedienste wohl nur mit dem Kopf schütteln. (Andererseits hat die Realität oft genug gezeigt, dass sie nicht unbedingt professionell arbeiten.)

Ebenso wie Mechthild Borrmann belässt es Andreas Kollender nicht bei den Ereignissen im Nationalsozialismus, sondern erzählt auch von Folgen und der Nachkriegszeit. Während das Dritte Reich zusammenbricht, entstehen schon die Fronten des Kalten Krieges. In den folgenden Jahren wird sein OSS-Verbindungsmann Allen Dulles CIA-Direktor werden, und der ehemalige Leiter der Abteilung Fremde Heere Ost, Reinhard Gehlen, wird als Informant den Schutz der Amerikaner genießen, zum BND-Chef aufsteigen und 1968 das „Große Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband“ erhalten. Und Kolbe? Er bricht sein Schweigen zu früh, wird von den Amerikanern fallengelassen und fortan als potentielle Bedrohung eingestuft. Seine ehemaligen Kollegen, die nach dem Zweiten Weltkrieg im Amt ihre Karrieren fortsetzen, sehen in ihm einen Verräter. Immerhin ist er gegen das damals herrschende System und sie vorgegangen – und über Verrat urteilen in der Regel zunächst die Verratenen. Tatsächlich wurde Fritz Kolbe erst 2004 rehabilitiert, 33 Jahre nach seinem Tod.

Und gibt es nun ein richtiges Leben im falschen? Kollender und Borrmann zeigen, dass es wenigstens möglich ist, an der Differenz von richtig und falsch festzuhalten. Fritz Kolbe war sich bewusst, dass er Verrat begeht – aber er handelt aus der Überzeugung heraus, gegen Hitler etwas tun zu müssen. Als Beamter im Auswärtigen Amt hatte er die Position, an wichtige Dokumente zu gelangen. Doch nicht nur diejenigen, die Zugang und Möglichkeiten haben, stehen vor der Entscheidung zwischen richtig und falsch. Das zeigt Mechthild Borrmann in ihrer Geschichte von sechs Freunden, von denen manche zu NS-Schergen und andere zu stillen Fluchthelfern werden. Und das zeigt die Gegenwart, in der viele Menschen denjenigen helfen, die ihre Unterstützung brauchen. Weil es das Richtige ist.

Sonja Hartl © 03/2016

zurück