Richtiges im Falschen

von Sonja Hartl

 

Gerade Romane, die zur Zeit des Nationalsozialismus spielen, verhandeln immer wieder die Frage, ob man in Zeiten einer Gewaltherrschaft „das Richtige“ tun kann – ob es ein richtiges Leben im falschen gibt. Mechthild Borrmann und Andreas Kollender nähern sich einer Antwort, indem sie von einer Gruppe Freunde in der NS-Zeit („Wer das Schweigen bricht“) und einem Mann erzählen, der zum Verräter wurde („Kolbe“). Dabei zeigen sie sehr deutlich, dass Geschichte immer ins Heute fortwirkt – in Kriminalromanen bisweilen mit tödlicher Konsequenz.

Schweigen und seine Folgen

Nach dem Tod seines Vaters entdeckt der Hamburger Arzt Robert Lubitsch in dessen Unterlagen einen fremden SS-Ausweis und das Foto einer jungen Frau. Sofort ist seine Neugier geweckt: Hatte sein perfekter Vater eine Geliebte? Aus einer Laune heraus beginnt Robert mit Nachforschungen und landet in dem kleinen Ort Kranenburg am Niederrhein. Dort sorgt er mit seinen Fragen für Aufruhr unter den Bewohnern – und schließlich wird die Journalistin Rita Albers ermordet, die ihm bei seinen Nachforschungen behilflich war. Nach und nach erfährt Robert dann die Geschichte einer Gruppe von Freunden, die sich im August 1939 ewige Treue geschworen hat. Wenige Wochen später sind neue Zeiten angebrochen, sie sind Soldaten, SS-Leute oder Verfolgte. Dabei zeigen ihre Entwicklungen sehr eindrucksvoll, wie das Politische in das Private hineinspielt – so kann beispielsweise Jungnazi Wilhelm Peters die begehrte Therese aufgrund seines Einflusses für sich gewinnen, obwohl sie ihn nicht liebt.

In „Wer das Schweigen bricht“ erzählt Mechthild Borrmann von einfachen Menschen, die mit den Gepflogenheiten der Zeit zurechtkommen wollen – und dadurch mitunter unfassbare Schuld auf sich laden. Ohne dramatische Wendungen und moralische Vorwürfe entwirft sie auf zwei Zeitebenen ein komplexes Bild von Opfern und Tätern eines verbrecherischen Regimes, die mit den erlittenen Ungerechtigkeiten und begangenen Taten Jahrzehnte später noch leben müssen. Dieses System ermöglicht bestimmte Vergehen erst – und lässt andererseits wahre Größe erkennen. Dabei zeigt sich in „Wer das Schweigen bricht“, dass die persönliche Verantwortung für Entscheidungen niemals mit den „Verhältnissen“ entschuldigt werden kann – und auch nicht mit juristischer Verantwortung verwechselt werden darf. Ist das Schweigen in dieser Gemeinschaft, die ein Leben lang weggeschaut hat, aber erst einmal gebrochen, wird nichts mehr sein wie vorher.

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