Im Schatten der Reichsschrifttumskammer

von Carsten Germis

 

Die meisten älteren Leser von Kriminalromanen erinnern sich an den Berliner Soziologieprofessor Horst Bosetzky als einen der Begründer des „modernen deutschen Kriminalromans“. Mit Autoren wie Hansjörg Martin, Irene Rodrian, Friedhelm Werremeier wollte der unter dem Pseudonym –ky schreibende Bosetzky in der alten Bundesrepublik in den 1960er-Jahren eine eigene Form des deutschen Krimis begründen. Bosetzky galt damals mit seinen Kriminalromanen als schärfster und wortgewaltigster Kritiker der – wie es im Jargon der Zeit hieß – „spätkapitalistischen bundesrepublikanischen Ordnung“. Später, in den 1990er-Jahren – vielleicht auch als Folge des Mauerfalls und der damit verbundenen Erkenntnis, dass nicht der Kapitalismus, sondern der real existierende Sozialismus nach seiner autoritären Spätphase untergegangen ist – verstummte diese wortgewaltige Stimme mit aktuellen Krimis. Bosetzky schrieb zwar weiter, jetzt aber historische Romane. Die von ihm 2007 im Berliner Jaron Verlag mit ins Leben gerufene Krimi-Reihe „Es geschah in Berlin“ – ein Kettenroman mit verschiedenen Autoren – die 1910 mit dem von -ky geschriebenen ersten Band „Kappe und die verkohlte Leiche“ beginnt, zeigt die Neuausrichtung. Bosetzkys Heimatstadt Berlin steht im Zentrum, nach acht Bänden mit Kappe hat der Verlag für den April 2016 den nächsten Band von Bosetzky angekündigt. Er spielt 1962 – und langsam nähert sich der Professor im Ruhestand mit „Berliner Filz“ (offiziell ermittelt jetzt schon Hermann Kappes Neffe Otto, doch der Onkel ist immer noch dabei) der Zeit, in der einst sein Soziokrimi den westdeutschen Zeitgeist bediente. „Als Verlag, der auf Literatur zu Berlin spezialisiert ist, haben wir nach einem neuen Weg gesucht, Berliner Geschichte zu vermitteln“, sagt der Verleger der Reihe, Norbert Jaron. Das populäre Genre des Kriminalromans erschien nicht nur Bosetzky dafür ideal, der die Idee für die Krimi-Reihe gemeinsam mit dem aus dem Ostteil Berlins stammenden Jan Eick hatte.

Man darf gespannt sein, ob -ky seine linke, kapitalismuskritische Stimme im politisch und ökologisch korrekten Biedermeier der Merkel-Republik wiederfindet. Warum er sich dem historischen Stoff zugewendet hat, darüber lässt sich spekulieren. Bosetzky, der selbst in den 80er-Jahren immer wieder darüber räsoniert hat, warum es mit dem gesellschaftskritischen deutschen Krimi so schwierig sei. „Wenn ich da an die gewendeten Schulen unserer geliebten Republik denke, an die neue Blütezeit der Schwanzeinzieher und die Hochkonjunktur der verhinderten KZ-Wärter …“, dann kämen ihm schon erhebliche Bedenken: „Das Krimiblatt ist ausgereizt bis zum Gehtnichtmehr“, sagte er 1985 auf einer Tagung über den „Neuen deutschen Kriminalroman“.

Vielleicht war es aber auch nur die Erkenntnis, dass der professorale deutsche Krimi zur Systemveränderung einfach zu volkspädagogisch  in einer bürokratischen Sprache der Oberseminare verfasst war? Gerade die Linke in der Bundesrepublik versucht ja bis heute, das gesellschaftliche Leben über die Sprache zu regulieren. Man muss nicht dem vernichtenden Urteil des Krimi-Kritikers Jochen Schmidt zustimmen, der -ky auf derselben Tagung in Loccum vorwarf, „eine verwaschene, irgendwie linke Haltung muss raffinierte Plots und literarischen Stil ersetzen“.  Vorgefertigte Feindbilder träten an die Stelle der Realität. Autoren wie Richard Hey, vor allem aber der früh verstorbene Ulf Miehe zeigten damals, dass es auch anders ging.  Sie haben den Krimi zum Versuchsfeld ihrer künstlerischen Erfahrungen gemacht, ohne dass – um noch einmal Schmidt zu zitieren – „jede Figur eine Karteikarte am Revers zu tragen scheint und in ein Ablagesystem wie aus einem Legokasten passt“. -ky mag gespürt haben, dass die im Vergleich zu ausländischen Autoren extrem hohe Beimischung an Belehrung und Aufklärung auf Dauer im Kriminalroman nicht trägt. Historische Romane bieten sich dagegen geradezu an. Obwohl die Zeiten des ungebändigten Finanzkapitalismus, der mit gewaltigen Migrationsströmen den europäischen Nationalstaat als letzten Schutzraum arbeitender Menschen niederzureißen droht und deswegen überall Rechtspopulisten stärkt, mehr denn je nach linken, demokratischen und politischen Autoren verlangen, ist Bosetzky in allen seinen Büchern der letzten Jahre seiner Heimatstadt Berlin und der Geschichte verhaftet geblieben. Der Soziologe sah in den 1990er-Jahren wohl selbst, dass politische Gesellschaftskritik und spannende Unterhaltungsliteratur schwer unter einen Hut zu bringen sind. Der deutsche Sozikrimi der alten Bundesrepublik ist zu oft reine Genremalerei geblieben, als dass er in der von -ky mitbegründeten Form noch eine Zukunft haben könnte. Die sich kritisch gebende Moral der Autoren – oft mit dem erhobenen Zeigefinger vorgetragen – mindert die Spannung.

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