Ein Arbeitsessen

von Gisbert Haefs

 

Jupp erzählte mir diese Geschichte vor ein paar Jahren, und ich musste ihm versprechen, erst nach seinem Tod daran herumzufleddern – »Arolsen kuckt sowieso schon die Radieschen von unten an, un die Ammann hat auch den Löffel abjejeben. Warte mal, bis et mich un noch ein oder zwei zerbröselt hat.« Inzwischen hat Jupp die Zehen nach oben gedreht und wurde mit den Füßen voran aus der Wohnung getragen. Die anderen Beteiligten sind weniger wichtig; ich weiß nicht, ob sie noch leben, habe aber vorsichtshalber Namen und Umstände ein bisschen bearbeitet. Der Rest komme über mein schütteres Haupt.

    Jupp rief mich an einem Herbstabend an, aus einer Telefonzelle in der Eifel. Er habe ein paar Viecher erwischt, und wenn ich etwas davon haben wolle, solle ich Schnaps und Schlafsack mitbringen, andernfalls zum Teufel gehen.

    Durchgerüttelt von einigen Kilometern mit Schotter, Lehm und ausgeklügelten Löchern erreichte ich die alte Jagdhütte seiner Sippe. Die Scheinwerfer beleuchteten einen Breitwandgalgen unter kahlen Eichen, an dem tropfende Kadaver hingen, davor eine Grube für Abfälle, Innereien und derlei. Alles mindestens halb illegal und ganz scheußlich. Ich schaltete die Lichter aus.

    »Acht Pfasanen«, sagte Jupp zur Begrüßung. »Ein junger Keiler. Ein Bock. Halbes Dutzend Hasen. Bisschen jemischtes Jeflüjel. Na?« Er saß auf einem Schemel neben dem Abfluss im Küchenboden und sezierte und riss und rupfte und zupfte und schnibbelte.

    »Darfste soviel?« sagte ich.

    »Bah«, sagte er.

    Die Ein-Raum-Hütte roch nach Aus- und Eingeweide, Blut und kokelndem Nadelholz. Ich legte nach, wobei ich mir wie immer den Kopf an der Unterkante des Kaminsimses stieß. Dann nahm ich die Brote, die Thermoskanne Kaffee, die Flasche Calvados und das Säckchen mit Esskastanien aus dem Campingbeutel und warf ihn auf die Pritsche, neben den Schlafsack.

    Jupp stand auf, wischte sich die Hände an der Scharlachschürze, rammte das Messer – nennt man so was Hirschfänger? – in den Schemel und holte hinter der gerunzelten Stirn eines Zwölfenders an der Wand ein Kistchen Zigarren hervor.

    »Wat willste haben?«

    »Was willst du loswerden? Ist deine Verwandtschaft.«

    Er paffte, warf das abgebrannte Streichholz in den Kutteleimer und rülpste. »Wenn du mit rupfen un ausnehmen tus … «

    Ich schüttelte mich. »Ei, da sei der Himmel vor.«

    »Ohne mich wärste Fejetarier, wat?« Er grinste, streckte sich und rollte die Zigarre in den anderen Mundwinkel.

    Auch mit damals fast siebzig war Jupp ein starker, großer Mann. Aus dem offenen Hemd quollen graue Haare und die Muskeln unterhalb der aufgekrempelten Ärmel waren wuchtige Wanderdünen. Dunkelrot bespritzte Wanderdünen.

    Er warf mir zwei Emaillebecher zu, ich füllte sie mit Kaffee und Calvados. Dann tranken wir, redeten und aßen die Brote; er riet mir zu Fasanenfedern und Blut mit Calva, fürs Schreiben, und es begannen die umwegigen Geschichten über Leute und Ereignisse, immer wieder neu verknüpft und verwurstelt und »ah, dabei fällt mir ein« und »hab ich dir schon mal« und »wo war ich grad?« Ich kümmerte mich um das mürrische Feuer; dann suchte ich eine möglichst schmierige Pfanne und ein nicht zum Ausweiden verwendetes Messer und begann, die Esskastanien zu schlitzen.

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