Das Elend mit der Geschichte

von Thomas Wörtche

 

Manchmal habe ich masochistische Anwandlungen. Vermutlich deswegen habe ich mir neulich „Deutschland 83“ angetan – die „Qualitätsproduktion“ aus dem Haus RTL, seit der man, so war oft zu lesen, die deutsche Fernsehgeschichte neu schreiben muss. Nach freundlicher Aufnahme auf dem US-Markt (manchmal sind sie zu und zu liab, unsere Amis) kam bei uns der Quoten-Schock. Abscheuliche Zahlen für das Premium-Produkt. Daraufhin setzte eine rundum lustige Diskussion ein, was denn RTL so alles an der Platzierung der Spionage-Mär falsch gemacht habe. Sendeplatz, nicht genug oder falscher Social-Media-Einsatz und so weiter und so fort. Nur sehr vereinzelte Stimmen fragten, ob der Flop nicht auch damit zusammenhängen konnte, dass die Qualität der Serie schlichtweg unterirdisch war. Beziehungsweise ein wunderbares Beispiel für unfreiwillige Komik, die man allerallerspätestens dann nicht mehr übersehen konnte, als 1983 die „Bundespolizei“ ins Spiel kam. Aber eigentlich recht interessant ist das Grundkalkül der Produktion: dass die jüngere Geschichte zwar auf der Faktenebene bekannt ist, aber die offiziellen Deutungen defizitär sind und deswegen konkurrierende, fiktionale Narrative erfordern. Naja, nicht dass man bei RTL genau so gedacht hätte, aber letztendlich läuft´s darauf hinaus. Und tatsächlich scheint es ja eine ganze Welle Genre-Narrative zu geben, die die jüngere Geschichte zum Thema haben. Also die „große Geschichte“ noch mal neu erzählen, aber eben aus einem irgendwie anderen Blickwinkel. Joseph Kanon zum Beispiel macht das mit seinen Romanen aus der Anfangsphase des Kalten Kriegs („Leaving Berlin“ ist das letzte Buch aus einer ganzen Reihe, die sich mit den 1940er- und 1950er-Jahren befasst). Philip Kerrs Bernie-Gunther-Romane gehören dahin, die Breslau-Serie von Marek Krajewski, Pawel Kohuts „Sternstunde der Mörder“, Birkefeld/Hachmeisters „Wer übrig bleibt hat recht“ und so weiter und so fort. Diskutieren müsste man an dieser Stelle, ob es sich dabei jeweils um komplementäre Narrative handelt, die sich nicht nur für die pittoreske Kulisse interessieren, analog etwa zu der allmählichen Besetzung von fremden Ländern und Kontinenten nicht durch autochthone, sondern durch deutsche oder andere Autoren, die die Weltkarte und den Zeitplan der menschlichen Geschichte systematisch abarbeiten. Die jüngere Geschichte wäre dabei nur ein Chronotopos, der in den Fokus rückte, nachdem alle anderen Periodisierungen schon abgehakt und als erledigt gelten. Antike, Mittelalter, frühe Neuzeit, 19. Jahrhundert, alles weidlich und buchhalterisch penibel abgegrast, auch quer über die Kontinente. Kriminalliterarisch schon früh die Epochen, die Selbstreferentialität innerhalb der Populären Kulturen bereitstellen: Die Gangster- und Hollywood-Narrative (was oft dasselbe ist) von Max Allan Collins, Max Kaminsky oder, in Gestalt der Celebrity Thriller von George Baxt, gehören dahin, und besonders naheliegend die Lestrade-Romane von M. J. Trow und andere Fortschreibungen historisch-fiktiver Figuren der Genre-Geschichte. Letztere Sortierung könnte man insofern als „komplementäre Narrative“ beschreiben, als dass von den Originalautoren oder Original-Mythen als nicht ausreichend ausgeschrieben empfundene Figuren zu ihrem Recht post mortem kommen sollen. Oder korrigiert werden: Inspector Lestrade ist bei Trow eben nicht der Trottelkopf wie bei Conan Doyle. Aber das sind metafiktionale Spielereien, die in ihrem Bezugsrahmen und nur dort amüsant und unterhaltsam sein können, aber keine weiteren Extensionen zulassen, außer der Erkenntnis, dass auch Genre-Geschichte hätte anders laufen können.

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