Die Tücke des "einfach mal"

von Soja Hartl

Lesen!, lautet einer der meist gegebenen Ratschläge an angehende Schriftsteller. Für Autoren, die Kriminalromane schreiben möchten, sollte dieser Ratschlag entscheiden ergänzt werden: Kriminalliteratur lesen! Denn wer im Genre schreiben möchte, sollte es kennen, sich dafür interessieren und vor allem – es ernst nehmen. Aber nein, womöglich ist irgendwann im Zuge der elenden E- und U-Diskussionen, Popularität von Heimatgeschichten mit Mord und dem Erfolg vermeintlich einfach gestrickter Kriminalromane der Eindruck entstanden, ein jeder könne Kriminalromane schreiben. Und damit nicht genug: Seit einiger Zeit grassiert zudem unter etablierten Schriftstellern die Neigung, doch einfach mal einen Kriminalroman zu schreiben. Doch darin liegt die Tücke: Niemand schreibt "einfach mal" einen guten Kriminalroman. Das hat nicht zuletzt Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff mit "Killmousky" belegt.

Lewitscharoff mag eines der prominentesten Beispiele für das Scheitern am Kriminalroman sein, alleine ist sie nicht. Auch Louis Begley hat sich mit "Zeig Dich, Mörder" an diesem Genre versucht. Und Louis Begley, jener amerikanische Schriftsteller mit dem kühlen, sezierenden Blick, der Schöpfer gnadenloser Figuren, zu denen der Erzähler doch immer auch eine gewisse Form der Zuneigung hegt, verliert in diesem Buch jegliches Gefühl für seine Figuren, für Dialoge und für die Geschichte. In "Zeig Dich, Mörder" geht um den Afghanistan-Veteranen Jack Dana, dessen Onkel Harry zuerst seiner Katze das Genick gebrochen und dann Selbstmord begangen haben soll. Natürlich bezweifelt Jack, dass sein vitaler, wohlhabender, erfolgreicher Onkel sich plötzlich das Leben nimmt und vor allem die Katze tötet, deshalb forscht er mit der Unterstützung von Kerry, die mit seinem Onkel zusammengearbeitet hat, nach. Als Figuren gibt es somit: "Captain Jack", einen supersexy, durchtrainierten Ex-Soldaten, der natürlich eine zweite Karriere als erfolgreicher, von Hollywood verfilmter und in der New Yorker Literaturszene reüssierender Schriftsteller hat; Kerry, die superheiße, erfolgreiche, clevere Anwältin, die ihren Job nicht aufgeben kann, weil sie ihre Eltern unterstützt; Jacks besten Freund Scott, der irgendwann aus dem Hut gezaubert wird, aber bei der CIA arbeitet – und jede Menge weitere Klischees. Diese Figuren tauschen dann Sätze aus wie "Weißt Du Liebling, ich komme mir vor wie eine Schallplatte mit einem Sprung, die ewig an derselben Stelle hakt." oder "Ich werde nicht ruhen, bis ich ausfindig gemacht habe, was und wer es war und was wirklich geschah." So wird vermutlich noch nicht einmal mehr in einer Fernsehvorabendserie gesprochen. Dazu gibt es Sex-Szenen voller Fremdscham, die altbekannte Weigerung, die unfähige Polizei einzuschalten, und einen Bösewicht, der auf den ersten Blick zu erkennen ist.

Nun gibt im Krimi-Genre auch Autoren, die weniger mit Stil als mit dem Plot überzeugen. Aber auch hier gibt es keine Hoffnung. Vielmehr dämmert Jack nach ungefähr der Hälfte des Buchs, dass Harrys Sekretärin Barbara Diamond, die einen Tag nach dessen vermeintlichen Selbstmord von einem Unbekannten vor die U-Bahn gestoßen wurde, vielleicht gestoßen wurde, "weil jemand dachte, sie wisse zu viel?". Spätestens hier fragt man sich, ob alles nur eine Farce ist, eine misslungene Parodie. Immerhin singt auch Billy Joel von Captain Jack und meint einen Dealer, könnte eine Figur mit Namen Barbara Diamond aus einem James-Bond-Film sein. Aber eine Parodie setzt voraus, dass man weiß, worüber man schreibt. Und das weiß Louis Begley offensichtlich nicht. Tatsächlich hätte der Roman einen winzigen Funken Reiz haben können, wenn wenigstens Kerry eine femme fatale gewesen wäre, ihre Hingabe an die vermeintlich nie enden wollende Potenz von Captain Jack nur gespielt gewesen wäre.

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