Ein "Seitensprung" mit Japans Yakuza

von Carsten Germis

Der Sprecher der Jury, die allmonatlich darüber entscheidet, welcher Kriminalroman zu den 10 besten des Monats gehört, Tobias Gohlis, hat es mit dem Selbstbewusstsein des Literaturkritikers und Krimispezialisten einmal ganz schlicht, klar, knapp und präzise gesagt:

„Krimi ist, was auf der KrimiZeit-Bestenliste steht!“

Mit „Der Arm des Kraken“ hat es Christoph Peters – bekannt eher als Autor des vom Feuilleton geschätzten Hochromans – nach dieser Definition von Gohlis geschafft, spätestens seit November als Krimiautor zu zählen. Sein Roman „Der Arm des Kraken“ schaffte es da auf Platz 10 der Liste. Eine vom Leben ernüchterte Kommissarin im Vietnam-Dezernat der Berliner Kripo, vietnamesische Zigaretten- und Asia-Shop-Mafiosi und mittendrin ein rachedurstiger Killer der japanischen Yakuza, reichlich Tote, Schießereien, Bomben; Peters würzt seinen Krimi mit allen Zutaten, nach denen das Genre verlangt. Und doch scheint der „Seitensprung“ ins Krimigenre dem bald 50 Jahre alten Schriftsteller ein bisschen peinlich zu sein. „Mir war ein bisschen mulmig“, sagt er. Mit Büchern wie zuletzt „Mitsukos Restaurant“ (2009), „Wir in Kahlenbeck“ (2012) und „Herr Yamashiro bevorzugt Kartoffeln“ (2014) hat Peters nicht nur seine Liebe zur japanischen Kultur immer wieder gezeigt; er hat sich auch in die Liga der anerkannten, „seriösen“ Autoren geschrieben. Und jetzt ein Krimi.

Glaubt man Peters, ist es ihm mit seinem ersten Kriminalroman so ergangen, wie es im wahren Leben oft auch mit dem Seitensprung ist. Es passierte einfach. Wenn seine Frau in der Wohnung der Familie auf dem Prenzlauer Berg in Berlin am Sonntagabend „Tatort“ sieht, dann ziehe er sich zurück, sagt Peters. Krimis als Lesestoff? Ebenfalls komplette Fehlanzeige. Die liest er noch nicht einmal, wenn sie in seinem Lieblingsland – Japan – spielen. Krimis sind sein Ding nicht, bisher jedenfalls. Eher versenkt er sich in Bildbände japanischer Keramik, bewundert traditionelle Glasurtechniken der japanischen Handwerker oder übt weiter an seiner Vervollkommnung bei der japanischen Teezeremonie.

Wie konnte es eine Figur wie der Japaner Fumio Onishi – ein professioneller Killer der Yakuza und tief verwurzelt in den Mythen des Zen und der Samurai-Krieger aus der Ära der Tokugawa-Shogune – trotzdem schaffen, so tief in das Bewusstsein des Schriftstellers vorzudringen, dass Peters um ihn und seinen Rachefeldzug in Berlin dann doch gleich einen Thriller geschrieben hat? Peters ist Sammler. Japanische Teetassen, Keramik, teure Bildbände – seit er kurz vor dem Schreiben von „Misukos Restaurant“ von seiner Frau zum Geburtstag eine Raku-chawan, eine traditionelle japanische Teeschale, bekam, sammelt er. In Japan haben diese Tassen eine fast sakrale Bedeutung. Manche westliche Sozialwissenschaftler sehen in der spirituellen Dimension der Teezeremonie kulturhistorisch ein Symbol für den von der Staatsreligion Shintoismus getragenen japanischen Nationalismus. Peters fasziniert diese Zeremonie, bei der die Bewegungen des Meisters auf dem Weg zur Perfektion so lange wiederholt werden, bis sie zu den eigenen werden.

Doch die Leidenschaft des Sammlers findet nicht überall nur Freunde. Das Hauptzollamt fordert Einfuhrumsatzsteuer und interessiert sich immer wieder gern für den Inhalt der Päckchen aus dem fernen ostasiatischen Land. „Ich wollte eigentlich nur aus persönlichem Interesse ein Blutbad am Hauptzollamt in Berlin anrichten“, sagt Peters. Eine leichte Aufgabe für Fumio Onishi. Wenn einer die Beamten in die Luft jagen könnte, dann Onishi. Die Berliner Hauptzöllner haben Gott sei Dank überlebt. „Aber die Figur war da“, sagt Peters. Statt der Zöllner sterben in „Der Arm des Kraken“ Vietnamesen in Massen. Peters hat sich immer wieder gefragt, warum in manchen vietnamesischen Läden in Berlins Mitte so wenig los ist. Geldwäsche der Zigarettenmafia? Dass in den östlichen Bezirken Berlins vietnamesische Gangs  aktiv sind, Zigaretten schmuggeln, Schutzgelder erpressen oder gar Menschenhandel betreiben, ist in der deutschen Hauptstadt ein offenes Geheimnis. „Alles recherchiert“, sagt Peters, „das findet sich hier alles wirklich.“

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