FALLNER VOR WEIHNACHTEN

von franz dobler

1:: Der alte Mann sah aus dem Fenster, als hätte er nicht bemerkt, dass er da war. Oder er hatte es bemerkt, aber schon wieder vergessen. Beschissen war nicht nur die Scheiße mit dem Alten allgemein, sondern dass Fallner nicht wusste, ob sein Vater ihn, wie es Tradition war, ignorierte oder seine Anwesenheit tatsächlich schon nach wenigen  Minuten wieder vergessen hatte.

Oder vergessen hatte, wer dieser Mann neben ihm war. Wie sind Sie hier reingekommen, ich kaufe nichts! Gut möglich, dass er seinen Sohn vergessen hatte. Was nichts Neues wäre.

Der Dreck war außerdem der, dass sein alter Vater tausend Gründe hatte, möglichst viel aus seinem Leben zu vergessen, denn er war ein ordentliches Arschloch gewesen. Und wäre es sicher immer noch, wenn ihn sein Kopf und sein Alter jetzt nicht so gut wie umgelegt hätten.

Es hatte Zeiten gegeben, da hatte er viel mit seinem Vater geredet. In den besten Zeiten hatten sie kein Wort miteinander geredet.

Fallner saß still neben seinem Vater und schaute abwechselnd zum Fenster raus oder ihn an. Wohin er auch schaute, nirgendwo eine Reaktion, nirgendwo ein schönes Bild. Und dafür hatte er sich vier Tage freigenommen, begleitet vom Gemurre der Kollegen. Normalerweise wurde nicht gemurrt, wenn sich jemand freinahm, um seinen alten, debilen, defekten, dementen Vater zu besuchen.

Seine Freundin Jaqueline hatte kommentiert, er könnte sich vielleicht auch einmal für sie vier Tage einfach so freinehmen, natürlich nur, wenn er eine Million im Lotto gewonnen hätte, und er hatte gefragt, was sie mit diesem bescheuerten einfach so meinte. War er vielleicht der Typ, der seinen Vater, den er nicht über alles, sondern weniger als fast alles andere liebte, einfach so, schnell mal aus einer Laune heraus, besuchte? Konnte sie sich erinnern, dass er das jemals gemacht hatte? Unternahm er vielleicht keinen schweren Bußgang, wenn er wie immer am Tag vor Weihnachten hinfuhr, um drei Tage zu bleiben?

Er hatte sofort angepisst reagiert, als sie einfach so sagte (obwohl er ihr sofort angesehen hatte, dass sie es nicht ernst meinte, sondern verständnisvoll war), weil er dachte, es würde ihm helfen, zuerst ein wenig zu streiten und dann loszufahren.

Sein blöder Bruder machte sowas wie üblich nicht so blöd wie er. Der machte sowas immer als schlauer Hund. Einmal im Monat packte er seine Frau und die zwei Kinder in seinen Spitzenklassemercedes und überfiel den alten Dreckskerl nach nur einer Stunde Fahrt wie ein Tornado. Diese Schmalspurausgabe einer Mansonfamily, wie Fallner sie seiner Jaqueline gegenüber nannte, tobte eine Stunde um den alten Mann herum und dann war der Besuch schon wieder vorbei.

Das war schlau, weil es so heftig war, dass es ins Gehirn des Vaters eindrang, und weil der Überfall mit einem gewissen Rhythmus passierte. Er selbst aber hatte ihn seit sechs Monaten nicht besucht. Dass sein Bruder mal wieder den richtigen Dreh hatte, ärgerte ihn mehr als alles andere.

Wie fühlst du dich?

Was?

Wie du dich fühlst? Wie geht´s?

Manchmal.

Manchmal ist doch nicht schlecht.

Was?

Ich habe mir überlegt, dass ich vielleicht bei der Polizei aufhören sollte.

Immer gesagt.

Ja, ich weiß, du hast das schon immer gesagt. Du hast das schon gesagt, als ich noch nicht mal dran dachte, in den Verein zu gehen.

Deine Mutter.

Was hat das denn mit Mutter zu tun?

Was?

Mutter hat doch nicht gewusst, dass ihre Söhne bei den Bullen gelandet sind. Sie hat in ihrem Leben nur eins gewusst, dass sie ein Arschloch geheiratet hat. Falls du weißt, was ich meine.

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