Seitensprünge – wenn Literaten fremdgehen

von Thomas Wörtche

Hört sich irgendwie schmuddelig an, unser Thema. Moralisch bedenklich. Nehmen wir Herrmann Broch ernst, ist in Sachen Literatur und Kunst das moralisch Bedenkliche das ästhetisch Minderwertige. Wenn also Hoch-Literaten, denn um deren Ausflüge ins Genre geht es hier, hin und wieder hinuntersteigen ins Triviale, dann kann es sich nur um eine Mesalliance handeln. Von Mesalliancen kann man aber nur reden, wenn ein Normensystem als verbindlich gedacht wird. In unserem Fall also eine gesetzmäßige Hierarchie innerhalb der Literatur besteht. Wir wissen aber schon ziemlich lange, dass dem keineswegs so ist. An diesem Punkt setzt dann, irritierenderweise, kognitive Dissonanz ein. Man weiß es eigentlich besser, will es aber nicht zugeben, auf Teufel komm raus nicht. Kognitive Dissonanz ist ein Zeichen von Irritation, ein Abwehrreflex. Und dann darf man spekulieren: Ist die berühmte Aussage von Iris Radisch, bei Sibylle Lewitscharoffs „Killmousky“ dürfe man, weil Krimi, die literaturkritische Messlatte ruhig niedriger legen, ein Beruhigungsmantra, weil man ein als im Grunde suspekt empfundenes Werk einer Hochhochliteratin irgendwie doch noch retten möchte und dafür wissenden Auges riskiert, für ahnungslos und inkompetent gehalten zu werden? Oder weil man einen Kampf gegen ein extrem populär gewordenes Genre zu führen müssen glaubt, das die Ordnung der Dinge zumindest in literaricis herausfordert, wider das bessere Wissen, dass diese Ordnung schon längst nicht mehr besteht? In diesem Fall dürfte man ruhig von „Angstbeißen“ sprechen, weil die eigene Position im prestigeverhandelnden literarischen Feld als gefährdet erscheint. Ähnliches könnte man zu den wohlwollenden Kritiken der „Kriminalromane“ von „seriösen“ Literatinnen wie Eva Demski oder Silvia Bovenschen sagen. Ausgerechnet einer, für den sich das Hinabbeugen zum „niederen Genre“ kommerziell gelohnt hat, für Matthias Altenburg in seiner persona als Krimi-Autor Jan Seghers, zementiert die Hierarchie – Altenburg-Bücher sind Kunst, sagt er (wer?), Seghers Krimis bestenfalls Handwerk.  Produktive Schizophrenie, aparter Zynismus, Provokation? Jedoch nur, wenn man den Bezugsrahmen akzeptiert. Wenn nicht, wird es fahl. Aber um Akzeptanz, also um Dinge, die man so oder so sehen kann, die irgendwie gleichwertig wären, geht es nicht. Weshalb auch die Seitensprung-Metapher nur in einem literaturhistorisch und ästhetik-theoretischen nicht haltbaren Paralleluniversum, in dem die Zeit stehengeblieben ist, funktionieren würde. Und diesem Paralleluniversum wohnt zumindest ein deutlich konservatives bis reaktionäres Element inne, wenn man es gesellschaftspolitisch zu Ende dekliniert. Ob deren Verfechter das wollen oder nicht. Kognitive Dissonanz eben.

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