(Eine mögliche) Zukunft des Ermittlerkrimis

von Sonja Hartl

 

Sie sind oft depressiv, haben eine gescheiterte Ehe hinter sich, sehen – falls vorhanden – ihre Kinder zu selten und legen Alleingänge hin, weil ihnen missgünstige Vorgesetzte ohnehin nicht glauben, aber die Wahrheit um jeden Preis herausgefunden werden muss. Denn diese Ermittler leben nur für ihren Job, außerdem gehen sie in der Regel in Serie. Doch inmitten des Ermittler-Allerlei sind auch immer Figuren zu finden, die aus der stetigen Wiederkehr bekannter Stereotype herausragen. In diesem Bücherherbst sind es die Polizistinnen Nhu Kelly und Janice Itwaru , die in Australien bzw. den USA innerhalb vertraut klingender Plots neue Töne und Themen mit sich bringen.

 

Fehler der Vergangenheit – „Die Götter von Bankstown“

Nachdem sie gerade ein Trainingsprogramm für die Einheit für verdeckte Ermittlungen absolviert hat, wird Detective Constable Nhu „Ned“ Kelly in ihrem Heimatrevier Bankstown zu einem Leichenfund gerufen: Bei Bauarbeiten zu einem Parkplatz wurden die mumifizierten Überreste zweier Menschen entdeckt. Im Zuge der Ermittlungen ergeben sich immer mehr Verbindungen zu Neds Vergangenheit. Die Leichen wurden auf einem Grundstück gefunden, das einst die Firma ihres Vaters bebauen sollte, außerdem scheint er wenigstens eine der Toten gekannt zu haben. Damit könnte der Leichenfund zudem mit dem Doppelmord an Neds Eltern zusammenhängen.

Ein Fall, der in die traumatische Vergangenheit des Ermittlers führt, ist in vielen Kriminalromanen der Ausgangspunkt für eine möglichst tiefe Verstrickung der Hauptfigur in ihre Ermittlungen. In dem Krimi-Debüt der ehemaligen Polizistin P.M. Newton führen die belastende Vergangenheit und komplizierte Gegenwart aber weder zu irrationalem Verhalten noch besonderen Fähigkeiten, sondern Ned vertraut auf gute Polizeiarbeit. Deshalb hört sie auf Ratschläge, erkennt die Grenzen ihres Eigensinns – und recherchiert. Dadurch stehen weit mehr die Folgen der Vergangenheit in Neds alltäglicher Gegenwart im Mittelpunkt, die sich in Misstrauen, Wut und Außenseitertum äußern. Tatsächlich aber ist Ned 1992 bei der Polizei in New South Wales schon als Frau in der Minderheit, außerdem ist sie Halb-Vietnamesin – und somit eine doppelte Außenseiterin, in einer Zeit, in der durch die Arbeit der 1989 eingerichteten Anti-Korruptionskommission erstmals Beweise für die Bestechlichkeit und Verdorbenheit zahlreicher Polizisten bekannt geworden sind. Die ganze Truppe stand somit unter Generalverdacht – und in diesem Klima des Misstrauens fallen Außenseiter besonders auf. Von außen betrachtet ist sie indes für die Menschen nur eine weitere Polizistin, sie ist „eine von ihnen“.

Ned ist somit Vorurteilen sowohl innerhalb als auch außerhalb der Polizei ausgesetzt – wenngleich aus unterschiedlichen Beweggründen – und das Außenseitersein wird immer mehr zum Thema des gesamten Romans. Im Zuge der Ermittlungen begegnet sie dann mit dem Aborigines-Anwalt Marcus Jarrett einem weiteren Außenseiter, der für die Rechte der Ureinwohner sowie gegen deren Diskriminierung kämpft. Damit greift P.M. Newton ein weiteres brisantes Thema in Australien auf, und auch hier greift sie wieder auf einen Zusammenstoß im Innen und Außen zurück: Ned steht für die außenpolitischen Vergehen und ihre Folgen, Marcus indes für das innenpolitische Versagen. Damit ist Neds Vergangenheit ein wichtiger, aber kein alles dominierender Bestandteil der „Götter von Bankstown“ – und somit wird zwar der aktuelle Fall aufgeklärt, aber werden längst nicht alle Fragen geklärt.

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