Eine Krise der Ermittler?

Dann steckt auch die Demokratie in der Krise

von Carsten Germis

 

Die Ermittler im Kriminalroman stecken in der Krise. Eine steile These ist das, die sich die „Polar-Gazette“ da für diese Ausgabe gestellt hat. Jeder Besuch in einer Buchhandlung zeigt, dass das Gegenteil der Fall ist. Jedenfalls lässt sich eine Krise der Ermittler nicht erkennen, wenn es um Titel und Verkaufszahlen des Kriminalromans geht. Vor allem in den großen Kettenbuchhandlungen liegen sie auch in diesem Jahr weiter in dicken Stapeln, die neuen Ermittlerkrimis der bekannten Autoren. Ob die Leser zu „Ostfriesenwut“, dem mittlerweile neunten Fall der Ann Christin Klaasen von Klaus-Peter Wolf greifen; ob sie den Krimi „Verheißung“ als mittlerweile sechsten Fall für Carl Mørck von Jussi Adler-Olsen lesen wollen oder dem neuen Regio-Trend Frankreich folgend nur wissen wollen, was uns Jean-Luc Bannalec in „Bretonischer Stolz“ als vierten Fall für Kommissar Dupin vorsetzt: Der Ermittlerkrimi verkauft sich glänzend. Er hat einen Markt und die Sättigungsgrenze ist nicht in Sicht. Der Ermittlerkrimi bekommt in hohem Maße genau die Aufmerksamkeit, die in diesen Zeiten vom modernen Buchmarkt „aufmerksamkeitsökonomisch“ gefordert wird, und von der mancher gute Autor und mancher kleine Verlag nur träumen können, die es mit den Konventionen des Genres nicht so haben.

Ermittler spielen bei fast allen Autoren die zentrale Rolle, wenn sie einen Kriminalroman schreiben. Das gilt für unbekannte Anfänger wie Werner Färber, der mit „Baumkiller“ seinen „ersten Fall der Umweltaktivistin Lea Mertens“ im Gmeiner-Verlag vorlegt (und – der Untertitel zeigt es – ganz offenkundig auf weitere Fälle hofft).  Auch Krimi-Neueinsteiger wie Christoph Peters, der mit seinen E-Romanen „Mitsukos Restaurant“ und „Herr Yamashiro bevorzugt Kartoffeln“ das Fremde Japans dem deutschen Leser nähergebracht hat, kommen um den Ermittler nicht herum, wenn sie sich in die Gefilde der Unterhaltungsliteratur und des Kriminalromans wagen. In seinem Fall („Der Arm des Kraken“) ist es eine in ihrer Arbeit im Berliner LKA frustrierte Frau, Annegret Bartsch heißt sie. Damit Japan vorkommt, lässt der Japankenner Peters mal eben einen Killer der Yakuza – so nennt sich die japanische Mafia –  in die deutsche Hauptstadt einfliegen, den Bartsch am Ende überlisten muss. Ermittler stehen aber auch bei den großen Namen  des Genres im Mittelpunkt. Oliver Bottini setzt mit „Im weißen Kreis: ein Fall für Louise Boni“ genauso auf den Erfolg seiner vom Leben und gelegentlich vom Alkohol gebeutelten Ermittlerin wie die anderen Autoren. Auch Friedrich Ani, frisch zum renommierten Suhrkamp-Verlag gewechselt, legt dort nach den Erfolgen seines Ermittlers Tabor Süden aus dem Vermisstenreferat mit einer neuen Ermittlerfigur sein Debüt beim neuen Verlag vor. „Der namenlose Tag“ heißt der Titel des von der Krimikritik gefeierten Werks, das erwartungsgemäß sofort im September und Oktober auf Platz 1 der Krimi-Bestenliste stand. Gibt es sie also wirklich, die Krise der Ermittler im Kriminalroman?

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