Skeptisches Unbehagen – Der „Ermittler-Krimi“

von Thomas Wörtche

 

Bei aller Wertschätzung, bei allem ästhetischen und intellektuellen Gewinn, bei allem Vergnügen an Kriminalliteratur wäre es kontraproduktiv zu übersehen, dass sie durchaus neuralgische Aspekte hat. Vermutlich hat jedes ihrer vielen Sub-Genres solche, oft sehr unterschiedliche neuralgische Aspekte, wenn man sich die Mühe macht genau hinzuschauen. Gemeint sind damit nicht ästhetische oder allgemein handwerkliche Defizite, die von einer argumentierenden Literaturkritik diskutiert werden sollten. Gemeint sind Problematiken, die auf der Ebene von „Ideologieproduktion“ liegen. Neutraler formuliert: Es geht um den berühmten „Sitz im Leben“, den Kriminalliteratur nolens volens hat. Denn eines ist klar: Eine Literatur, beziehungsweise ein solches Set transmedialer Narrative, die so massenhaft produziert und rezipiert werden, wirken, wie peripher oder zentral auch immer, auf unsere Vorstellungen, Bilder und Konzepte von Realität und Gesellschaft ein. Egal wie subtil oder massiv wir das jeweils einschätzen. Hinzu kommt, dass diese Narrative, egal wie harmlos und läppisch sie auch im Einzelfall daherkommen, per definitionem zentrale Konstituenzien aller Gesellschaften zum Thema haben: Gewalt und Verbrechen. Im Umgang damit dürfte es eigentlich keine Unschuld, keine Naivität geben. De facto gibt es die aber, auf Seiten von Produzenten, Distributoren und Rezipienten. Angereichert durch Indolenz, profitgierigen Zynismus, Denkfaulheit, Verdrängung oder ähnliche Faktoren, die intentional sein können oder, fast noch schlimmer, eben auch nicht.

Ausgerechnet die Textgruppe, die im breiten Verständnis schon beinahe exemplarisch für „Krimi“ steht, nämlich der „Ermittlerkrimi“, ist ein Tummelplatz für unbehagliche Implikationen. Man könnte zunächst sagen, dass alle Kriminalromane, in denen ein Verbrechen begangen und dann von ermittelnden Instanzen aufgeklärt wird, „Ermittlerkrimis“ sind. So gesehen ist es dann egal, ob die Damen und Herren Ermittler u.a. Privatdetektive, Journalisten, zufällig anwesende Amateure oder Polizisten sind. „Der Fall“ ist die zentrale Einheit, um die alles andere gruppiert ist. Er strukturiert nicht nur das Narrativ, sondern dient auch als Modell für Realität. Der Fall wird bearbeitet, geklärt. Dann entsteht ein Vakuum bis zum nächsten Fall. Nebenbei bemerkt ist das schon fast parodistische (oder kontrafaktische) Spiegelbild davon der Gangsterroman à la „Parker“, in dem die zentrale Einheit der Coup ist, nach dem, bis zum nächsten Buch, ein analoges Vakuum entsteht.

Nach dem Vakuum tritt dann der nächste Fall auf, ad infinitum. Der Fall wird so zum Skandalon, zum Rätsel, zum Störfaktor in einer ansonsten stabilen Ordnung der Dinge. Die Realität, die dieses Prinzip als Basis braucht, damit die ganze Angelegenheit überhaupt funktionieren kann, muss, wie Luc Boltanski es auf den Punkt bringt, „in sich stimmig sein und moralischer Gesetzmäßigkeit unterliegen.“ Eine solche Realität aber ist ein Konstrukt. Oder mit Boltanski: „Die Realität ist faktisch weniger robust <…> als diejenigen, die für die Aufrechterhaltung dieses Zustandes verantwortlich sind, es die Naiven glauben lassen wollen.“ Schon die Prämisse, die sich zillionenfach durch schiere Persistenz in die Köpfe gefräst hat, bietet also einen Einfallswinkel für allerlei text-externe Implikationen.

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