Liebe Leserinnen und Leser,

wegen der Frankfurter Buchmesse fällt unsere Novemberausgabe etwas schmaler aus. Es dreht sich alles um Irland diesmal. Alles grün, alles Pub. Dann diese Musik und diese Erzähler/Innen. Sofort leuchten die Augen vieler Leser auf. Irland. Heimstätte guten Whiskeys. Paradies der Folkmusic. Wären da nicht Nordirland und Belfast. Wären da nicht der Celtic Tiger und der Bankencrash. Von der katholischen Kirche ganz zu schweigen. Irische Schriftsteller haben in den letzten Jahren ziemlich aufgeräumt mit der romantischen Vorstellung einer vom Meer umbrausten Insel. Der Traum vom verregneten, einsam gelegenen Cottage ist angekratzt, wenn nicht gar zerstört. Es soll sogar vorkommen, dass einige von ihnen aus absatztechnischen Gründen ihre Geschichten nicht mal mehr auf der Insel ansiedeln, sondern ins Exil der amerikanischen Großstädte ziehen, um einen besseren Stand auf dem Buchmarkt zu haben. Was ist bloß aus dem Mythos geworden? Wer sich mit irischen Autor/Innen unterhält, vernimmt vor allem Klagen darüber, wie schwer es ist, sich als Autor/In in Irland über Wasser zu halten.

Thomas Wörtche stellt sich in seiner Kolumne „Iren“ wie bei allen nationalliterarischen Themen die Frage, ob es eine spezielle Irishness gibt und wenn ja, wie die aussehen könnte. Carsten Germis beschäftigt sich in „Von Irland nach Japan“ mit Spielarten der Rache von Seamus Smyth und den Misshandlungen in katholischen Kinderheimen. „Wo sind sie, die Frauen?“ fragt sich Sonja Hartl in ihrem Essay über Autorinnen von der Insel. In Arno Strobels Story „Karins Leiden“ packt einen Mann die Verzweiflung nach dreißig Jahren Ehe, und in unserer Reihe

So nah am touristischen Paradies sieht das irische Paradies plötzlich nicht mehr aus wie das Gelobte Land. Der Blick auf das Verbrechen ist beileibe nicht mehr touristisch verklärt wie im Boom der Bretagne-, Normandie-, Mallorca-Krimiableger, zu denen jetzt sogar verstärkt deutsche Autoren unter Pseudonym greifen, um für sich den internationalen Regionalkrimi zu entdecken. Wo Joyce im Ulysses sprachmächtig auf einem Tagesticket durch sein Dublin wandelte, hallt die Lust aufs Leben im neuen Dublin als permanenter Kater nach.

 

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