Iren

von Thomas Wörtche

Viele Deutsche lieben Irland und die Iren. Die Landschaft, die Schafe, das Wetter, die Leute, die Kultur, die Dubliners, die Literatur. Den Whiskey nicht zu vergessen. Und bis vor einiger Zeit das nette Steuerrecht, natürlich. Pragmatischer Romantizismus, sozusagen. Viele Iren mögen auch die Deutschen. Besonders gern, wenn die gerade mal was gegen die Engländer hatten. Aber lassen wir das …

Man könnte auch eine name-dropping-Orgie starten, von William Butler Yeats bis Edna O´Brien und Frank O´Connor und überall „großartig“ oder „liebe ich“ dahinter schreiben, ein Pantheon feinster Namen, auf das man sich ohne geschmacklichen Distinktionsverlust risikolos verlassen kann. James Joyce und Samuel Beckett sind Irland schnell entlaufen, aber lassen wir auch das …

Es soll ja um irische Kriminalliteratur gehen. Und dann stellt sich, wie bei allen nationalliterarischen Themen, die Frage, ob es eine spezielle Irishness gibt und wenn ja, wie die aussehen könnte. Wir suchen also nach Alleinstellungsmerkmalen, die im Kontinuum der internationalen Kriminalliteratur über Biographisches und Geographisch/Lokales hinausgehen.  Dass die irische Literatur zu großen Teilen nicht gälisch ist (ja, es gibt auch gälisch schreibende Krimi-Autoren wie Éllis Ní Dhuihne), sondern Teil der angelsächsischen Literatur ist, macht die Sache nicht einfacher. Zudem versuchen die schottischen Nachbarn die seltsame Marke namens „Tartan Noir“ zu etablieren und geraten so in Abgrenzungsschwierigkeiten zu nord-englischen Autoren wie Howard Linskey, dessen Turf von Newcastle-upon-Tyne (englisch) bis nach Glasgow und Edinburgh (schottisch) reicht. Und wo läge dann der Unterschied zwischen ihm und einem Autor wie, sagen wir, dem Iren Jim Lusby? Und wo wären, natürlich abgesehen vom IRA-Thema, kategoriale Unterschiede zwischen Texten aus der Republik Irland und Nordirland?

Und noch etwas: Spätestens seit Cromwell und allerspätestens seit der Great Famine ist Irland Emigrationsland.  Irische Narrative schreiben sich – vor allem – in den USA weiter. Und die sind nicht notwendigerweise von irisch-stämmigen Autoren. Auch Jerome Charyns Super-Cop Isaac Sidel muss nach Irland, weil eine der üblichen Clan-Fehden in New York City ihn dazu zwingt.  Thomas Adcocks New Yorker Cop Neil Hockaday wird expliziter auf seine irischen Wurzeln verwiesen – Adcock hat in der Tat irische Vorfahren. Obwohl Adcocks/Hockadays eigentliches Operationsgebiet die Westside, genauer Hell´s Kitchen (heute: Clinton), ist. Irisches Stammesland, von cops & robbers gleichermaßen besetzt, wie wir auch bei Adrian McKinty, Ire auch er, in Australien lebend, nachlesen können. Ein Gründungsnarrativ irisch-stämmiger Gangs ist natürlich – wenn auch ex post – Scorseses „Gangs of New York“, weitergesponnen dann von eben diesem italienisch-stämmigen Filmemacher u.a. mit „Departed“, womit wir in Boston angekommen wären. Will heißen: Alle bedeutenden Cop- und Mafia-Narrative haben ihre irische Komponente. Und selbst in der australischen master story um den Banditen Ned Kelly (nach dem der hochwertige australische Krimi-Preis benannt ist) spielt dessen irische Herkunft eine Rolle – seine Vorfahren waren irisch-katholische Deportierte, deren Verhältnis zu den protestantischen Engländern extrem gespannt war.

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