Karins Leiden

von Arno Strobel

Ich sitze auf der Rückbank des Wagens. Der Mann neben mir schaut konsequent auf seiner Seite aus dem Fenster. Er mag mich nicht, obwohl er nichts von mir weiß.  Menschlich.
Man erlebt jemanden in einer einzigen, bestimmten Situation, oder besser, man erlebt das Resultat einer bestimmten Situation, und schon sind die Würfel gefallen. Ich kann es ihm nicht verübeln, er hat Karin nicht gekannt.
Seine blaue Uniform sieht nicht sehr bequem aus. Ob ich ihn anspreche? Nein, besser nicht.
Von draußen starren mir die Betongesichter der Vorstadthäuser mit gleichgültiger Kälte entgegen. Nur Sekunden, nicht lange genug, um Charakterzüge an ihnen ausmachen zu können. Doch da, die rosafarbene Front. Die überbreite Haustür sieht aus wie ein lachender Mund. Fensteraugen darüber werfen mir unter den halb geschlossenen Lidern aus Gardinenstoff einen aufmunternden Blick zu. Freundlich, warm … unpassend.
Begleitet von Knacken und Rauschen höre ich im Sekundentakt Stimmen aus einem Lautsprecher irgendwo im vorderen Bereich des Wagens. Wie in weiter Ferne in einen Blecheimer gesprochen, unverständlich, nicht für meine Ohren bestimmt.
Die Häuserfronten verschwimmen vor meinen Augen. Ich ziehe mich zurück aus dieser Welt im Wageninneren, die nicht meine ist. Sie ist unwirklich, obwohl ich weiß, dass sie real ist.
Karin … Ich komme lieber zu dir. Du bist mir vertraut.

Meine leidende Karin. Wer hätte das gedacht? Fast dreißig Jahre waren wir verheiratet. Ziemlich genau die Hälfte meines Lebens habe ich mit dir verbracht. Wie sehr du mein Leben in diesen dreißig Jahren verändert hast. Nicht mit einem Paukenschlag, nein, eher schleichend, unterschwellig. Aber konsequent.
Du warst so anders als alle Frauen, die ich vor dir gekannt hatte.

Tiefgang habe ich damals dazu gesagt.

Es waren deine Augen. Ich habe mich verloren in deinen Augen, diesen endlosen, grünen Meeren aus Gefühlen. Wenn du mich ansahst, konnte ich darin Schiffe treiben sehen, deren Frachträume gefüllt waren mit Traurigkeit. Erst Jahre später ist mir aufgegangen, dass der Steuermann dieser Schiffe ‚Berechnung’ hieß. Ganz langsam nur war mir klargeworden, dass es nicht melancholische Traurigkeit war, die ich in deinen Augen sah, sondern Leiden.
Ja, Karin, du hast dein Leben lang gelitten. Nicht etwa, weil es dir schlechtging oder weil dich ein körperliches oder seelisches Gebrechen quälte. Nein, du hast gelitten um des Leidens Willen.
Verdammt, hättest du mich nur ein einziges Mal angeschrien. Wärest du doch nur einmal keifend hinter mir hergelaufen, wenn ich spät in der Nacht von meinem Schachabend nach Hause kam – welch eine Befreiung wäre es gewesen. Aber das hast du nie getan. Du hast gelitten und mein Leben infiziert mit diesem stummen Vorwurf in deinen Augen.
Wie oft habe ich dich gefragt, was mit dir los ist, ob dir etwas fehlt … ob ich etwas falsch gemacht habe? War es hundert Mal, tausend Mal?
„Es ist alles gut“, hast du mir immer geantwortet. Und dann hast du stets dieses Seufzen ausgestoßen. Dieses Geräusch, dessen Bedeutung du mir all die Jahre vorenthalten hast und das mir im Laufe der Zeit zur grausamen Folter geworden ist.

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