Von Irland nach Japan

von Carsten Germis

Irischer Noir? Hat es nur einfach lange gedauert, bis irische Krimi-Schriftsteller auch in Deutschland entdeckt wurden? Oder gab es gar vor Ken Bruen – dem hierzulande wohl bekanntesten irischen Autoren von Kriminalromanen – oder Adrian McKinty, der es sogar geschafft hat, in die Tempel der „Suhrkamp-Krimi-Kultur“ aufzusteigen, keine Krimiautoren von der grünen Insel? Immerhin hat wohl kein anderes kleines Volk der Welt so viele Nobelpreisträger für Literatur hervorgebracht wie die Iren: William Butler Yeats, George Bernhard Shaw, Samuel Beckett und Seamus Heaney. Und welcher Mensch, der sich für Literatur interessiert, hätte nicht zumindest etwas gehört von James Joyce, auch wenn der den begehrten Preis nie bekommen hat? Den Kelten liegt das Erzählen im Blut, heißt es. Und wer je in einem Pub in der irischen Provinz einem alten Geschichtenerzähler gelauscht und dazu ein paar Guinness getrunken hat, der weiß, dass etwas dran ist an dieser Theorie. Aber Krimis? Selbst Iren zucken da oft mit den Schultern. Es stimmt, nicht nur der Noir, der Kriminalroman selbst ist auf der grünen Insel ein vergleichsweise neues Gewächs. Ende des 20. Jahrhunderts, Anfang des 21. Jahrhunderts ging es dafür dann umso kräftiger los: Ken Bruen mit seinen Krimis mit dem selbstbewussten Loser Jack Taylor, Adrian McKinty, Declan Hughes, dessen Detektiv Ed Loy nach 20 Jahren in Kalifornien nach Dublin zurückkehrt, um dort Ross McDonalds Lew Archer auf Irisch zu neuem Leben zu erwecken; John Banville, der unter dem Pseudonym Benjamin Black erfolgreich Krimis schreibt, oder Declan Burke, der mit seinem Krimiblog „crimealwayspays“ viel dazu beigetragen hat, den irischen Noir über die Grenzen hinaus bekannt zu machen – sie alle zeigen, dass es einen anspruchsvollen „Noir made in Ireland“ gibt. Nicht zu vergessen Gene Kerrigan, dessen Romane im Hamburger Polar-Verlag in deutscher Übersetzung erscheinen. Der größte, der radikalste Noir-Autor aus Irland allerdings zählt in seiner Heimat nur wenig und auch in Deutschland ist er bislang nur wenigen Lesern bekannt gewesen: Seamus Smyth.

Declan Burke wundert sich auf seinem Blog, warum Smyth in Irland in vielen Jahren keinen Verlag für seine beiden letzten Krimis fand. In Deutschland hat er jetzt einen. Smyths Kriminalroman „Spielarten der Rache“ erschien in diesem Juni als 38. Band bei Pulp Master, entdeckt vom Verleger Frank Nowatzki. Und Nowatzki übertreibt nicht, wenn er in seinem Vorwort zu dem Buch schreibt, dass dieser Noir „ein einzigartiges Buch ist, das es zu entdecken lohnt.“

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