Wo sind sie, die Frauen?

von Sonja Hartl

In einem Interview mit der amerikanischen Autorin Sara Gran fragte ich einmal, ob Noir ein männliches Genre sei. Sie wies diese Annahme deutlich zurück, indem sie sagte, es gebe weder männliche noch weibliche Genres. Und doch gibt es im Noir weniger Autorinnen als Autoren. Das gilt für die USA, für Frankreich und insbesondere für Irland. Irish Noir ist von Ken Bruen und Gene Kerrigan über Adrian McKinty und Eoin McNamee bis zu Cormac Millar eine männliche Angelegenheit. Tatsächlich vermutet die erfolgreiche irische Krimi-Autorin Ruth Dudley Edwards in einem Artikel des Independent sogar, dass es in Irland weniger Kriminalschriftstellerinnen gäbe, weil die irische Kriminalliteratur vom Noir bestimmt werde. Diese Dominanz in der Wahrnehmung geht sogar so weit, dass Irish Noir häufig gleichbedeutend mit irischer Kriminalliteratur verwendet wird.

Dazu trägt überdies bei, dass der Aufschwung der irischen Kriminalliteratur untrennbar mit dem Erfolg des Irish Noir verbunden ist. Über Jahrzehnte spielte Kriminalliteratur in Irland eine untergeordnete Rolle. Aufgrund der geringen Alphabetisierung und Armut gab es im Irland des 19. Jahrhunderts nur einen geringen Bedarf an Unterhaltungsliteratur, so dass sich Autoren insbesondere an ein englischsprachiges Publikum wandten. Hinzu kamen ein tief verwurzeltes Misstrauen gegenüber dem englischen Gesetzeshüter und ein weit verbreiteter Glaube an übersinnliche Verbrechen (z.B. „The Burning of Bridget Cleary“), die gegen Kriminalliteratur sprachen. Als dann Ende des 19. Jahrhunderts die Beliebtheit der Detektivfiguren zunahm, orientierten sich Autoren an englischen Vorbildern. Aber mit L.T. Meades (Elizabeth Thomasina Meade Smith) Kriminalgeschichten mit Detektivinnen und Verbrecherinnen gab es immerhin den Versuch, weibliche Kriminalliteratur zu etablieren. Weiterhin wählten irische Krimiautoren aber Handlungsorte fernab der Heimat – überwiegend in England, später dann in den USA. In Irland, so wird John Connolly zitiert, wisse jeder innerhalb von Tagen, wer die Tat begangen habe, außerdem vertrage sich die Rationalität der Kriminalliteratur nicht mit der irischen Tradition. Und so waren Autoren mit irischen Settings noch in den 1990er-Jahren die Ausnahmen. Dann veränderte sich jedoch die irische Gesellschaft: Das Good Friday Agreement beendete zumindest formal die Troubles, durch den Celtic Tiger genannten wirtschaftlichen Aufschwung vermehrten sich Wohlstand und Selbstvertrauen, Irland wurde urbaner und moderner. Zugleich nahmen Korruption, Gier und insbesondere in großen Städten Gesetzesbrüche und Gewalt zu. Plötzlich hatte Irland Probleme wie Drogenkriege und eine steigende Mordrate. Der Mord an der Journalistin Veronica Guerin brachte das Ausmaß der organisierten Kriminalität in Irland zum Ausdruck. Zugleich verlor die katholische Kirche durch den Missbrauchsskandal und die Aufdeckung systematischer Vertuschung ihre moralische Autorität und büßte Einfluss ein. Die neue Gesellschaft erschien gefährlich, verdorben und amoralisch – und der Noir bot die Themen, Sujets und Erzählstrategien, um von dieser Gesellschaft zu erzählen. Deshalb geht es im Irish Noir insbesondere um eine Verbindung der amerikanischen hardboiled-Erzähltradition mit den Themen Irlands des 21. Jahrhunderts. Ken Bruen zeigte, dass Irland als Handlungsort funktionieren und es versoffene Privatdetektive in Galway geben kann, Gene Kerrigan und Cormac Miller wandten sich in ihren Kriminalromanen der irischen Gesellschaft, Adrian McKinty und Eoin McNamee der nordirischen Gesellschaft zu.

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