Sein Meisterstück

von Ulrich Wickert

Heute lief seine letzte Sendung „Der Nachruf – mit Thomas Schreck“. Aber das wusste noch niemand. Sie würde der Knüller sein. Und er würde in die Fernsehgeschichte eingehen. In der nächsten Woche käme keiner an dem Ereignis vorbei.

     Sein Durchbruch kam mit dem Autounfall von Lady Di. Wenige Minuten nach der ersten Agenturmeldung über ihren Tod lief auch schon sein Nachruf über die Prinzessin der Herzen in der ARD. Thomas Schreck war seit siebzehn Jahren zuständig für die XY-Fälle.

     Auf der XY-Liste standen jene berühmten Persönlichkeiten, über die im Falle ihres Todes sofort in Tagesschau, Tagesthemen oder gar in einer Sondersendung ein Nachruf gesendet werden sollte. Musste! Und Thomas Schreck war verantwortlich dafür, dass diese Filme vorlagen.

     Sein Büro lag deshalb gleich neben dem NDR-Archiv in Lokstedt. Dahin war er verbannt worden, weil er in der Redaktion zu nichts nutze war. Aber Faulheit, Intrigantentum und Autismus sind für öffentlich-rechtliche Redakteure kein Kündigungsgrund.

     Hinter der Tür hatte er sich einen kleinen Schneideraum eingerichtet. Dort bearbeitete er die Nachrufe selbst.

     Die Aufnahmen zu seiner Sendung heute Abend hatte er selbst gemacht. Zuerst das Porträt des Verstorbenen. Oder vielmehr, desjenigen, der nur wenige Sekunden vor der Sendung sterben würde. Dann ein lobender Text. Ja, sogar eine Aufnahme des zukünftigen Grabes auf dem Friedhof Ohlsdorf. Gleich neben dem Engel.

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