Ishmael ermöglicht den Blick von außen auf Kenia – und damit kommt Mukoma wa Ngugi dem Land und seinen Stimmungen weitaus näher. Insbesondere im ersten Teil ist es mehr als die Kulisse für einen Kriminalfall, es versinnbildlicht die Probleme von Ishmael. Deshalb versucht man, mit ihm dieses Land zu verstehen und zu durchdringen. Dazu gehören Probleme wie Gewalt und Korruption, aber auch Unmittelbarkeit und Leidenschaft im Leben. Denn Ishmael ist nicht einfach nur ein Cop, der ein Außenseiter ist, er ist ein Cop – und später Privatdetektiv –, der in Kenia akzeptiert werden will. Dadurch werden in den Romanen auch kulturelle Ursprünge, Identität und der Einfluss der Gesellschaft auf die Persönlichkeit thematisiert.

Diese Themen ergründet Mukoma wa Ngugi nicht nur durch Reflexionen, sondern vor allem durch Handlungen und Action. Deshalb sind seine Kriminalromane gewalttätig und (manchmal auch übertrieben) rasant, jedoch verweist er zudem beständig auf die globalen Verstrickungen des Verbrechens, die sich nicht auf kolonialisierte Ausbeutung von Arbeitskräften beschränken, sondern viel weitreichender sind: In „Nairobi Heat“ führt ein totes weißes Mädchen vor dem Haus eines schwarzen Professors in den USA zu dem Bürgerkrieg in Ruanda und den komplexen Beziehungen zwischen Kenia, in „Black Star Nairobi“ ist die Explosion einer Bombe in einem Hotel der Anfang einer Ermittlung, die sehr deutlich zeigt, dass nicht nur auf dem afrikanischen Kontinent, sondern auf der ganzen Welt Bürgerrechte außer Kraft gesetzt werden. Denn Kenia ist nicht das einzige Land, das zum Spielball profitgieriger, gewissenloser Interessen geworden ist. Und so finden sich inmitten der zahllosen Toten Verweise auf die Bedeutung der Ausbildung von Narrativen zu Ländern – jene Narrative, die Richard Crompton zum Teil benutzt –, so dass Mukoma wa Ngugi auf nur wenigen Seiten zudem die systemischen Strukturen von Gewalt und Rechtsverletzungen anspricht.

Das Nachdenken über Identität und Gesellschaft, die sprachliche Sorgfalt und das Bewusstsein für Narrative unterscheiden Mukoma wa Ngugis von Richard Cromptons Romanen: Für Mukoma wa Ngugi ist Kenia mehr als eine exotische Kulisse, die Herkunft seines Ermittlers ist mehr als sein Grund für Außenseitertum und er geht mehr als ein erzählerisches Risiko ein. Sicherlich zahlen sich insbesondere die Risiken nicht immer aus, bisweilen strapaziert er die Logik, insgesamt aber traut er schon mit seiner sprachlichen Knappheit den Leser/-innen mehr zu. Deshalb sind Mukoma wa Nugis Romane weit weniger Mainstream als Richard Cromptons, sie sind eigensinniger, experimentierfreudiger und letztlich mutiger. Und sofern man möchte, könnte man hier den Unterschied zwischen ‚ernsthafter‘ und ‚unterhaltender‘ Kriminalliteratur ansetzen (wobei die meist weniger Verständnis- als Bewertungskategorien implizieren). Aber eigentlich gehört diese Unterscheidung ebenso der Vergangenheit an wie Kenia als ‚exotischer‘ Handlungsort.

Sonja Hartl©10/2015

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