Handlungsort Kenia

von Sonja Hartl

 

Zwei Männer in Kenia: Mollel ist Massai, Polizist und Hauptfigur von Richard Cromptons Kriminalromanen „Wenn der Mond stirbt“ und „Hell’s Gate“. Ishmael ist Afro-Amerikaner, Polizist und Hauptfigur in Mukoma wa Ngugis Kriminalromanen „Nairobi Heat“ und „Black Star Nairobi“. Beide sind schwarz und fühlen sich aus verschiedenen Gründen als Außenseiter. Ihre inneren Konflikte und deren Auswirkungen werden stilistisch unterschiedlich beschrieben und haben in den Romanen verschiedene Funktionen. Dadurch lassen sich an ihnen – sofern man sich überhaupt auf diese Kategorien einlassen möchte – Merkmale ‚unterhaltender‘ und ‚ernsthafter‘ Kriminalliteratur festmachen.

 

Ein Massai in Kenia

Eine ermordete Massai, das Verschwinden einer Blumenpflückerin, religiöser Wahn, Korruption und Selbstjustiz sind die Themen, die Richard Crompton in seinen beiden Kriminalromanen mit dem Massai-Ermittler Mollel behandelt. Mollels Leben ist insbesondere von seinem inneren Widerstreit zwischen dem traditionellen Aufwachsen als Massai und Leben als moderner Polizist bestimmt, beständig hadert er mit der Frage, wie er seinen Sohn erziehen und sein eigenes Leben gestalten will. Mit seinem Ermittler hat Richard Crompton eine Figur geschaffen, die innerhalb des Landes verortet werden kann und somit einen Blick von innen auf Kenia suggeriert. Tatsächlich aber sind in beiden Kriminalromanen kaum neue Facetten zu entdecken. Vielmehr behandelt Richard Crompton Themen, die von außen und verallgemeinernd als ‚typisch afrikanisch‘ gesehen werden können: Beschneidungen bei Frauen, korrumpierte Politiker, gefälschte Wahlen und die Ansiedlung multinationaler Firmen, die örtliche bzw. aus Nachbarstaaten stammende Arbeitskräfte ausbeuten. Auch Mollels innere Konflikte bestehen weitgehend aus wiederkehrenden erinnernden Motiven an seine frühe Kindheit, Wanderschaft, Rinder und seinen Bruder, der einen anderen Weg eingeschlagen hat.

Darüber hinaus verwendet Richard Crompton konventionelle Erzählmuster. Vorausblicke sollen Spannung erzeugen, im ersten Teil ist Mollel ein Außenseiter, weil er Massai ist und vom Land in die ‚moderne‘ Stadt kommt, im zweiten Teil wird er von der Stadt wieder aufs Land versetzt und dort nun von seinen Kollegen als besserwisserischer Städter misstrauisch beäugt. Natürlich ist er eigensinnig und einzig an der Wahrheit interessiert, so dass ihn politische Entscheidungen oder der Wille seiner Vorgesetzten nicht interessieren. Die Fälle bekommen eine persönliche Note, indem er zum Beispiel in „Hell’s Gate“ der später tot aufgefundenen Blumenpflückerin zunächst persönlich begegnet, bei ihrem unsympathischen Vorgesetzen aneckt und es zweimal unterlässt, ihr zu helfen. Hinzu kommt ein love interest, den er zu retten versucht – und selbstverständlich klärt er den Fall am Ende auf, ohne dass auf die systemischen Konsequenzen von Korruption und Gewalt eingegangen wird. Mit diesen Erzählmustern und Beschreibungen wird den Leser/-innen nie zu viel zugemutet oder werden sie gar herausgefordert, vielmehr verbleiben die Bücher Spannungsromane vor exotischer Kulisse. Und es ist die behagliche Konventionalität, die der unterhaltenden Kriminalliteratur zugeordnet wird.

 

Ein Amerikaner in Kenia

Einen anderen Weg hat Mukoma wa Ngugi gewählt: Mit Ishmael lässt er einen Fremden nach Kenia kommen, einen Afro-Amerikaner, der zwar die Diskriminierungen, die sprachlichen und gesellschaftlichen Codes in den USA kennt, aber in Kenia nun andere Reaktionen erfährt. Er wird als „afrikanischer Amerikaner, (…) schwarzer Amerikaner“ bezeichnet und empfindet zusehends die damit verbundene Geringschätzung. Jedoch erkennt Ishmael auch, dass sich in Kenia eine Sehnsucht erfüllt, die er zuvor nicht gekannt hat. Es ist ein „anderes Leben, ein Leben am Limit, wo es immer um alles oder nichts ging, und in dem man vielleicht nebenbei auch noch was Gutes tun konnte“.

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