Das U und E des Kriminalromans

von Carsten Germis

 

Die Debatte, ob Kriminalromane auch "gute Literatur" sein können, will in Deutschland einfach nicht enden. Dabei ist es ganz einfach: Ob U, ob E – überall, wo Autoren etwas schreiben, gibt es gute und schlechte Bücher. Warum endet diese Debatte über U – "Unterhaltungsliteratur" – oder E – "ernsthafte (seriöse) Literatur – einfach nicht? Die Lektorin Lisa Kuppler, die selbst Autoren wie Rob Alef oder Jörg Juretzka betreut, hat vor einiger Zeit in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" über dieses U und E geschrieben. Sie hat sich dabei allerdings auf den deutschen Kriminalroman beschränkt. Dabei ist gerade dann, wenn wir über eine kriminal-literarische Qualität diskutieren, wenn wir über E oder U sprechen, wohl kaum eine Beschränkung auf die engen Grenzen zwischen Alpen und Schleswig, Niederrhein und Vorpommern sinnvoll. Die Zeiten sind vorbei, in denen es hieß, gute deutsche Krimis gebe es nicht. Selbst in Japan sind heute Autoren wie Volker Kutscher mit seinen Krimis aus den 30er-Jahren, aber auch Nele Neuhaus mit ihren Taunus-Krimis. Der Krimi ist globalisiert, Moden wie der skandinavische Krimi sind international. 

In seinem Aufsatz "Wen interessiert es schon, wer Roger Ackroyd ermordete?" hat der Kritiker Edmund Wilson im "New Yorker" 1945 das harsche Urteil gefällt, das bis heute immer wieder durchscheint, wenn es um die Qualität des Kriminalromans geht.  "Angesichts so zahlreicher guter Bücher, die man lesen kann, der Unmenge dessen, was man studieren und lernen kann, erübrigt es sich, dass wir uns von solchem wertlosen Zeug anöden lassen", schrieb er.  Das öde Zeug war der Krimi. Und dieses Urteil Wilsons gilt für alle Autoren seiner Zeit – von Agatha Christie bis Raymond Chandler. Kriminalromane, mehr als andere Literatur, folgen Regeln. Sie erzählen meistens linear (Ausnahmen wie zum Beispiel Chester Himes zeigen nur, wie innovativ das Genre ist). Krimis unterhalten oft, weil sie unterhalten wollen. "Ich bin zu dem abschließenden Urteil gelangt, dass das Verschlingen von Detektivromanen ganz einfach eine Art Laster ist, das wegen seiner geistigen Anspruchslosigkeit und relativen Harmlosigkeit irgendwo zwischen Rauchen und Kreuzworträtseln einzuordnen ist", meint Wilson deswegen. Wer den Kriminalroman als "gute Literatur" verteidigt, hat ihm zufolge nicht mehr alle Tassen im Schrank. Das Lob des Krimis sei "vergleichbar den Gründen, die der Alkoholiker stets parat hat, um sein Trinken zu rechtfertigen."

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