Schneetreiben

von Romy Fölck

 

Die Gräber liegen im milchigen Schein einer Laterne. Vor wenigen Minuten hat Schneetreiben eingesetzt und die letzten Besucher vom Südfriedhof vertrieben. Die Grabsteine tragen weiße Hauben. Seltsam, wie friedlich dieser Anblick ist.

    Regungslos harre ich aus. Mit mir eine alte Frau, die ein paar Meter entfernt an einem Grab steht.

    Gebeugt, wie versteinert.

    Das Grab vor ihr sieht frisch aus. Ähnlich dem, wo ich wie festgefroren stehe. Die eigene Mutter zu begraben, darauf wird man im Leben nicht vorbereitet. Dieser Schmerz reißt eine ewig blutende Wunde, schafft Leere, die nichts füllen kann.

    Regungslos steht die andere Trauernde im Schneetreiben. Wen sie wohl verloren hat? Ihren Mann? Einen Angehörigen? Oder geht man in dem Alter auf jede Beerdigung, bis man irgendwann selbst an der Reihe ist?

    Ich schlage den Kragen meines Mantels hoch, verabschiede mich im Stillen, laufe durch den Flockenwirbel. Der erste Schnee in diesem November. Auch die Frau wackelt zum Ausgang. Sie sieht so zerbrechlich aus.

    Ist Trauer mit den Jahren einfacher zu tragen? Ist es leichter, wenn dieser Schmerz schon einmal da war? Wohl kaum. Trauer ist kein Erfahrungswert. Vielleicht weiß man irgendwann, dass sie mit der Zeit vergeht. Aber macht es das leichter?

    Auf den Wegen hat sich in den letzten Minuten eine Schneedecke gebildet. Ich rutsche weg, fange mich wieder. „Warten Sie, ich stütze Sie!“, rufe ich der alten Frau zu und beeile mich aufzuholen.

    Zu spät. Sie stürzt. Liegt hilflos am Boden.

    Sie stöhnt, als ich ihr aufhelfe. „Mein Fuß!“, klagt sie. Ich fasse sie unter, sie humpelt neben mir über den Friedhof.

    „Sie müssen ins Krankenhaus!“

    „Nein, bitte nach Hause.“ Verwaschene Augen sehen mich an. Falten ziehen sich wie Furchen des Lebens durch ihr Gesicht. Ich spüre ihren dürren Leib unter dem Mantel. Sie wiegt sicher nicht mehr als ein Kind.

    „Wie weit ist das von hier?“

    „Zwei Straßen.“

    Wir bewältigen gemeinsam den Weg, stemmen uns dem Schneetreiben entgegen, das einen weißen Flaum auf unseren Mänteln hinterlässt. Zwei Trauernde, die sich halten, ohne sich zu kennen. „Wen haben Sie verloren?“, flüstere ich.

    „Meine Tochter.“ Sie ächzt. „Der Krebs … hat sie geholt.“

    Ich schweige. Dieser verfluchte Krebs! Bei Mama ging es ganz schnell. Vor zwei Monaten die Diagnose, nun liegt sie unter der Erde.

    Wie alt wird ihre Tochter gewesen sein? Mein Alter? Wenn das eigene Kind vor einem geht, was hat man dann noch im Leben?

    „Da drüben!“ Sie stöhnt und zeigt auf ein verwittertes Mehrfamilienhaus. Kein Licht brennt hinter den Fenstern. Wohnt da überhaupt noch jemand? Mit zittrigen Händen sperrt sie die Tür auf. Es riecht muffig in ihren Räumen, nach abgestandener Luft und alter Frau. Und nach Einsamkeit.

    „In die Küche!“, dirigiert sie mich. Sie ist federleicht, aber auch meine Kraft ist am Ende. Ich setze sie auf einen Stuhl, ziehe ihr den Mantel aus. Sein Futter ist zerrissen und er ist mehrfach geflickt.

    Ich streife ihr den Schuh vom Fuß. Sie wimmert. Der Knöchel ist angeschwollen. „Haben Sie Eis da?“

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