Die U/E-Schere

von Thomas Wörtche

 

Da ist sie wieder, wie ein moddriger Revenant aus der Gruft, die alte U/E-Schere. Eigentlich hatte man ihn schon längst beerdigt geglaubt, den Antagonismus zwischen ernster, seriöser Literatur und leichter Unterhaltung. Man kam mit der gegenseitigen Verachtung nicht weiter und allerallerspätestens seit Leslie A. Fiedler & Co war der Diskussion im Grunde jeder theoretische Unterboden entzogen. Zumal es ja nie um die Frage ging, wie Ernst und Unterhaltung zueinander standen. U/E meinte, auf den Kern reduziert, die Kluft zwischen Literatur und Trivialliteratur. Ästhetisch und erkenntnistheoretisch hochkomplex die eine, seicht und inhaltsleer die andere. Grottenfalsch, wie wir wissen, lediglich Prestigekämpfe im literarischen Feld. Oder lediglich der völlig normale Unterschied zwischen guter und schlechter Literatur. Obwohl man ja immer wieder hört, es gebe keine per se schlechte Literatur, sondern nur die falsche Zielgruppe. Gähn …

Und als es darum ging – vor Jahrzehnten und Aberjahrzehnten –, die Kriminalliteratur „durchzusetzen“, was ja letztendlich gelungen ist, wollte man eines garantiert nicht: die U/E-Diskussion innerhalb des Genres wiederholen. Kriminalliteratur sei eben vielfältig, unendlich ausdifferenziert. Natürlich „Unterhaltung“, und das sei gut so. Im Grunde wollte man das ganze Genre rehabilitieren, es herausholen aus der hochnäsigen Nichtbeachtung, dabei – wohl wissend, dass es wie bei jeder Kunst natürlich auch grottenschlechte Vertreter en masse gibt – auf jeden Fall die Spiegelung einer falschen Diskriminierung genreintern vermeiden.

Kleiner, süßer Schwarmgeist, muss ich zu mir heute sagen, wenn ich eigene Texte aus den 1980ern zum Thema lese. Oder seufzend: Das habe ich nicht gewollt. Und jetzt haben wir den Salat. Egal, ob der Tsunami sinnloser „Kriminalromane“ de facto allmählich zurückgeht oder ob noch mehr formatoptimierte Produkte von Industrieverlagen, Trittbrettfahrern und Selfpublishern ihn noch mal anschwellen lassen, und alle damit argumentieren, man wolle doch nur sein Publikum unterhalten, und alle damit möglichst breite „Marktsegmente“ besetzen wollen, hier und heute stellen sich ein paar unbehagliche Fragen. Eine davon wäre etwa: Können Produkte, die auf „den Markt“ und auf reine Verkäuflichkeit hin optimiert sind, überhaupt noch irgendwelche anderen Implikationen haben als genau diese? Wenn alles, was „Literatur“ ausmacht, also alles, was nicht breitestem Konsens entspricht, was nicht wirklich verstört, desorientiert, erschreckt, keinen Wellness-Faktor hat und gar eine ästhetische Autonomie besitzt, wenn also all das aus dem production design getilgt ist, wenn nur noch „Elemente“ zum intellektuell barrierefreien Konsum zusammengeschraubt werden, wie sollte man da noch von „Literatur“ im weitesten Sinne sprechen? Ist „Unterhaltung“ dann überhaupt noch eine sinnvolle Kategorie? Natürlich ist „Unterhaltung“ per se nicht wertfrei, nie neutral. Sie braucht eine „Haltung“, so oder so.  Die Ufa des Dritten Reiches hat Unterhaltung galore produziert und natürlich hatte sie dabei eine „Haltung“, wenn auch eine widerwärtige. Und wäre man böse, würde man Gemüse-, Garten- und Blödelkrimis, Knödel- und Allgäuprodukte, Pferde- und Adel-, Schlachteplatten-,  Friesen- und Schildkrötdetektivkrimis auf ihre ideologischen Implikationen analysieren, auf ihr Weltbild, auf die Bilder, die sie von „Verbrechen“ und Gewalt und Tod entwerfen, vom Verhältnis der Geschlechter, von der „Ordnung der Dinge“ überhaupt, man würde schaudern. Schlimmer noch, man würde ahnen, dass all das den Produzenten solcher Texte entweder schnurzpiepegal ist oder sie nicht das geringste Bewusstsein dafür haben, was sie da so fröhlich treiben. Notfalls sogar für ein Linsengericht.

     weiterlesen