Taffe Frauen, weiche Männer

von Sonja Hartl

Was macht eine gute Figur aus? Sie sollte komplex sein, stimmig mit allen menschlichen Widersprüchen. Sympathisch muss sie nicht sein, aber glaubwürdig in ihrem Handeln. Ob sie männlich oder weiblich ist, spielt dabei keine Rolle. Und auch das Geschlecht ihres Erfinders ist nicht wichtig, dennoch haben Autoren meist eine männliche und Autorinnen eine weibliche Hauptfigur. Man möchte meinen, das eigene Geschlecht liege näher, mache es vielleicht einfacher und die Figuren überzeugender. Jedoch widerlegen Autor/Innen wie Pekka Hiltunen und Fred Vargas diese Annahme: In Hiltunens „Studio“-Reihe stehen zwei Frauen im Mittelpunkt, Fred Vargas‘ Hauptermittler ist Kommissar Adamsberg. Es sind gelungene Figuren, über deren Nähe zur Autor/In spekuliert werden könnte. Vor allem aber überzeugen sie mit ihren distinktiven Eigenheiten.

Thriller-Frauen

Geht es um starke Frauenfiguren im Thriller, fällt unweigerlich der Name Lisbeth Salander. Sie ist mutig, clever und setzt sich zur Wehr. Jedoch darf hier nicht übersehen werden, dass sie zum einen Opfer von sexualisierter Gewalt – nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch der Gegenwart – wie Rächerin ist, so dass Stieg Larsson die Gewalt an Frauen gleichermaßen anprangert als auch zum ‚thrill‘ nutzt. Zum anderen ist sie – je nach Autor bzw. Regisseur – mehr (bei Larsson und in der Verfilmung von David Fincher) oder weniger (in der Adaption von Nikolaj Arcel und Rasmus Heisterberg) auf die Hilfe des Mannes angewiesen.

Anders ist es in Pekka Hiltunens wenig beachtetem Thriller „Die Frau ohne Gesicht“. Er ist Auftakt zu einer Reihe, in deren Mittelpunkt ein Spezialistenteam namens „Studio“ steht, das auf eigene Faust und aus eigener Rechtschaffenheit Unrecht bekämpft. Im ersten Teil sollen ein korrupter Politiker überführt und ein Zwangsprostitutionsring aufgedeckt werden, im zweiten Teil geht es um Morde, die aufgenommen und im Internet verbreitet werden. Fast alles an dieser Reihe klingt daher nach konventioneller Thrillerkost: Ein internationales Team von Experten kämpft gegen Korruption, sexualisierte Gewalt und die Auswüchse der neuen Medien. Jedoch stehen im Zentrum dieser Reihe zwei der interessantesten Frauenfiguren der vorigen Thrillerjahre. Identifikationsfigur für den Leser ist die Finnin Lia. Sie hält sich für unsicher, kann sich aber gut behaupten und arbeitet in London als Grafikerin. Eines Abends lernt sie in einer Bar ihre Landsfrau Mari kennen, erfährt, dass diese durch genaues Beobachten und dank einer psychologischen Ausbildung Menschen „lesen“ kann und das Studio gegründet hat. Mari ist analytisch, geheimnisvoll und reich. Zwischen den Frauen entsteht eine Freundschaft, die sie stärker und ausgeglichener werden lässt. Nun haben sie jemanden, mit dem sie sich planmäßig betrinken – dafür gibt es das wunderschöne finnische Wort ‚kännit‘, das eine Art kameradschaftliches Saufen bezeichnet – und alle möglichen Themen diskutieren können, sie stehen einander bei und brauchen beide keinen Mann, um das Richtige zu tun oder mutig zu sein (das geht!). Dadurch sind Mari und Lia angenehme Ausnahmen inmitten der männerdominierten Thriller. Leider rückt in dem zweiten Teil der Reihe die Freundschaft zwischen Lia und Mari etwas in den Hintergrund, außerdem spielt dort auch die (männliche) Gewalt eine weitaus größere Rolle. Dennoch sind Hiltunens Frauen unabhängig, klug und selbstbewusst, sie trinken gerne und haben Spaß – und das alles ohne Mann. Es sei denn, sie wollen es.

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