Frau an der Flasche

von Carsten Germis

 

Frauen haben die Mehrheit. Jeder Gang in eine Buchhandlung beweist es aufs Neue; vor den Belletristik-Regalen stehen zumeist Leserinnen. Auch bei Krimis, selbst bei blutrünstigen Thrillern, in denen Serienmörder ihr Unwesen treiben, gehören Leserinnen zur Mehrheit. Frauen lesen Krimis, obwohl deren Helden meistens Männer sind (die Bösewichte auch). Dass Schriftstellerinnen Männer zu ihrer Hauptperson machen, ist bekannt. Selbst P. D. James, der Großmeisterin des englischen Krimis, lag der lyrikbegeisterte Chief Inspector Adam Dalgliesh näher als ihre zweite Schöpfung, die Privatdetektivin Cordelia Grey. Dabei kann die im vergangenen Jahr gestorbene James für sich in Anspruch nehmen, mit Cordelia Grey in  „Ein reizender Job für eine Frau“ 1972 als erste Autorin eine private Detektivin in die Welt der Kriminalliteratur eingeführt zu haben – rechnet man schrullige Exzentrikerinnen wie Agatha Christies Miss Marple nicht in diese Kategorie. Sara Paretsky mit ihren Krimis um die schöne, aber harte V.I Warshawski oder Sue Grafton mit ihrer Heldin Kinsey Millhone kamen erst Anfang der 1980er. 1982 hat James ihre Heldin mit „Ende einer Karriere“ mit einem zweiten Buch schon wieder verabschiedet. Dalgliesh war ihr näher, dem blieb sie als Serienheld ihr Leben lang treu. Autorinnen können leicht auch über Männer schreiben, weil die Krimiliteratur voller männlicher Rollenbilder ist. Doch können Krimiautoren, können Männer auch über Frauen als Ermittlerinnen schreiben?

Das ist schwierig. Nicht ohne Grund, gibt es kaum Autoren, die es versucht haben. Oliver Bottini, Krimipreisträger und einer der anerkanntesten und besten Autoren des Genres in der Bundesrepublik, hat es mit seiner Reihe um die Freiburger Polizistin Louise Boni gewagt. In der Art von düsteren Krimis, die Bottini schreibt, ermitteln sonst fast nur Männer. „Deshalb hatte ich keine Lust, einen weiteren Mann auf die Piste zu schicken. Das, was ich über die Gesellschaft sagen will, kann ich – jedenfalls glaube ich das – aus der Perspektive einer Frau besser sagen“, sagte Bottini nach dem Erfolg, den er mit Bonis erstem Fall „Mord im Zeichen des Zen“ hatte. Der Schritt, eine Frau zum zentralen Charakter seiner Freiburger Krimis zu machen, war eine kluge Entscheidung. Sie ist ein effektiver Weg, sich von den Wallanders, Montalbanos und anderen Autoren mit ihren kaputten, sonderlichen oder harten Helden abzugrenzen. Die Alternative: eine kämpferische, im Kern starke, nachdenkliche Frau. Sie, sagte sich Bottini, könne in der Kriminalliteratur den herkömmlichen, männlichen Blick erweitern.

Doch dazu hat er seiner Heldin ein hartes Schicksal verordnet. „Louise Boni hasste Schnee. Ihr Bruder war im Schnee ums Leben gekommen, ihr Mann hatte sie im Schnee verlassen, und im Schnee hatte sie einen Menschen getötet.“ Mit diesen beiden Sätzen beginnt „Mord im Zeichen des Zen“. Depression, Ängste, Nikotinsucht, die Sucht nach wildem Sex, vor allem aber Alkoholprobleme – die Last, die skandinavische Ermittler im düsteren Schweden tragen müssen, kann eine Frau Anfang 40 im deutschen Südwesten schon lange bewältigen. Bottini sagt, er bewundere Menschen, die den Kampf gegen ihre Alkoholkrankheit aufnehmen. Stimmt. Doch alleine im Kampf gegen den Abgrund der Seele und den Alkoholismus. Vielleicht ist das doch ein bisschen viel Klischee? Vor allem beim Alkohol. „Sie schob die rechte Hand in die Anoraktasche. ,Hoppla‘, sagte sie, ,was haben wir denn da?‘ Sie zog ein Fläschchen Jägermeister heraus.“

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