Aschenputtel weint nicht mehr

von Friedrich Ani

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In einer Stadt in der Mitte Europas lebte zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts ein Mädchen, das schwarze Zähne und einen Körper voller Wunden hatte. Ihr Name war Elsa, aber sie hörte ihn selten. Ihre Mutter sprach nicht mit ihr, ihren Vater kannte sie kaum und Freundinnen hatte sie keine. In der Wohnung, in der sie mit ihrer Mutter lebte, standen Mülltüten an jeder Wand, in der Küche stapelte sich das schmutzige Geschirr, der Boden in den drei Zimmern war übersät mit Papier und Pizzaschachteln und Plastikbechern und zerknüllten Zeitungen und Zigarettenkippen und Socken und verkrusteter Unterwäsche. Badewanne und Waschbecken hatten gelbbraune Ränder, Essensreste schimmelten auf der Anrichte in der Küche, ein breiiger, kotiger Geruch zog durch die Räume, durch deren verschlierte Fensterscheiben das Licht eines ausgebleichten Nachmittags hereinfiel. Die Wohnung lag im vierten Stock eines achtstöckigen Blocks am Rand der Stadt, die Mieter kümmerten sich um ihre eigenen Angelegenheiten, und heute, einen Tag vor Heiligabend, ließ sich niemand im Treppenhaus oder im Hof blicken. An manchen Fenstern blinkten rote Lichter, an einem der Balkone hing ein Weihnachtsmann, als wolle er über die Brüstung klettern, vereinzelt schlängelten sich Lichterketten an Fensterkreuzen entlang. Im Fernsehen lief ein Zeichentrickfilm. Elsa lachte, und ihr Lachen klang heiser, kalt und alt.

2

Bevor der Arzt Dr. Eberhard Fink am Morgen des 23. Dezember in der Tiefgarage seiner Praxis erstochen wurde, hatte er eine lautstarke Auseinandersetzung mit einer Frau. Eine Zeugin, die auf dem Weg zum Fahrstuhl war, hörte eine weibliche Stimme, aber sie kümmerte sich nicht weiter darum. „Es klang nicht gefährlich“, sagte die siebenundfünfzigjährige Apothekerin. Die Frau habe jemanden als „verlogenes Schwein“ beschimpft und geweint und geschluchzt. Erst durch die Befragung der Polizei erfuhr die Apothekerin, dass es sich bei der zweiten Person um den Allgemeinmediziner Dr. Fink aus dem Nebenhaus handelte. Nach den Ermittlungen der Kripo fiel der Arzt vermutlich einem Eifersuchtsdrama zum Opfer. Sowohl die Witwe als auch seine Geliebte verstrickten sich noch am selben Tag in derartige Widersprüche, dass Hauptkommissar Georg Ohnmus überlegte, beide Frauen für achtundvierzig Stunden in Gewahrsam nehmen zu lassen. Allerdings blieb die Tatwaffe – ein gewöhnliches Küchenmesser mit einer etwa zehn Zentimeter langen Klinge – unauffindbar, die Auswertung der Blut- und DNA-Spuren ergab keine verwertbaren Hinweise. Lediglich die Aussagen der beiden Frauen wiesen gravierende Lücken und Ungereimtheiten auf, was, wie Ohnmus aus langjähriger Erfahrung wusste, auch durch den Schock hervorgerufen sein konnte. Die Tat geschah zwischen 7.15 und 7.45 Uhr. Die Apothekerin blieb bisher die einzige Zeugin, sie hatte ihren Wagen kurz nach sieben in der Tiefgarage abgestellt und war dann zur Eisentür gegangen, die zum Fahrstuhl führte. Sie hatte niemanden gesehen, nur die Stimme der Frau gehört. Auf der Rückfahrt aus der Gegend des Tatorts tauchte im Scheinwerferkegel von Ohnmus’ Dienstwagen plötzlich eine kleine Gestalt auf. Der Kommissar trat auf die Bremse und brachte das Fahrzeug im letzten Moment zum Stehen. Er stieg aus und sah ein kleines, dürres Mädchen barfuß mitten auf der Straße stehen. Es hatte blonde, verfilzte Haare und trug einen fusseligen, schwarzrot-geringelten Pullover und eine graue Trainingshose. Ihre Augen waren groß und dunkel, ihre Lippen von Schorf überzogen, ihre Wangen gelblich und zerkratzt. Als Ohnmus auf sie zuging, starrte sie ihn an, kippte zur Seite und blieb reglos liegen.

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