Frauen und Männer, Männer und Frauen – und das VerbrechenErstellen

von Thomas Wörtche

 

Die POLAR GAZETTE hat traditionellerweise pro Ausgabe ein Thema. Diesmal heißt es:

„Schreiben Frauen besser über Männer, oder Männer besser über Frauen im Verbrechen? Frei nach Flaubert Je suis Madame Bovary?“

Generalisierungen lösen bei mir immer den Reflex aus, zum Ockham´schen Rasiermesser zu greifen. Danach würde sich die Frage, ob Frauen besser über Männer oder Männer besser über Frauen schreiben, wenn es um Verbrechen geht, letztendlich auf das gute, alte „Darf dat dat?“ reduzieren. Denn alles andere scheint ja klar: In der Literatur gilt der Grundsatz, dass alles geht, wenn man´s nur kann. Das gendern auf einer qualitativen Ebene setzt Normen von „gut“ und „schlecht“ voraus, die sich nicht an der Prosa, sondern am Geschlecht der Autor_innen festmachen lassen müssten. Aber wie soll das gehen? Ist Agatha Christie besser, wenn sie ein Buch über Miss Marple oder eines über Hercule Poirot schreibt? Weiß sie mehr über die schrullige Lady oder über den bizarren Dandy? Fiktion ist „Setzung“, beide Figuren ticken so, wie Frau Christie das will, beide Figuren wurden Welterfolge, die gender-Frage kam nie ernsthaft auf. Raymond Chandler sprach im Zusammenhang der Golden-Age-Krimis sinngemäß von ältlichen Jungfern beiderlei Geschlechts, wobei seine persönliche Misogynie zwar in der Formulierung, aber nicht im aptum, im Gemeinten aufscheint. Ob Agatha Christie besser Männer als Frauen oder besser Frauen als Männer schreiben kann, scheint, so gesehen, kaum relevant. Und auch die Feminisierung bzw. die feministische „Besetzung“ der Figur des Privatdetektivs durch die ursprünglichen Sisters-in-Crime, also durch Autorinnen wie Marcia Muller, Sue Grafton, Sara Paretsky, Liza Cody et al hatte eine andere Stoßrichtung: Es ging darum, die (durchaus auch markt-mäßige) Vorherrschaft einer durch und durch männlich definierten Ikone, eben den PI, zu brechen. Sowohl die Vorherrschaft der männlichen Produzenten als auch die Alleinherrschaft der Figur des männlichen Detektivs. Dass die Autorinnen dieser Strömung dafür weibliches Personal benutzten, ist nur logisch. Frauen schrieben über Frauen, so wie jahrzehntelang vorher Männer über Männer geschrieben hatten. Frauen schrieben nicht unbedingt abträglich über Männer-Figuren, sie ersetzten sie. Die V.I. Warshawskis, Kinsey Millhones und Anna Lees griffen zementierte Rollenverständnisse an. Die Frage der Qualifikation, über männliche oder weibliche Figuren schreiben zu können, spielte in dieser Diskussion keine Rolle.

Aber mit Rollenverständnissen hat unser Thema dennoch zu tun. Wenn Männer über Frauen als mörderische Schlampen und Frauen über Männer als sexistische Muchomachos schreiben, ist vermutlich die Klischeedichte ein Qualitätskriterium für die Prosa. Aber das ist kein Alleinstellungsmerkmal. Texte mit hoher Klischeedichte sind en general keine guten Texte, wenn die Klischees nicht gebrochen werden. Es gibt eine Menge todernst gemeinter Romane, besonders aus der hardboiled-Ecke, die ihre Geschlechter-Klischees als „verdammt realistisch“, ihren ehernen Sexismus als „tabulos“ verstanden haben wollen. Sie sind meistens gnadenlos unfreiwillig komisch (oder nur abstoßend), wie es umgekehrt gnadenlos unfreiwillig komische (oder abstoßende) Texte von Frauen gibt, in denen Männer nichts als „Scheißhaufen“ sind. Was ist „besser“?

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