Epigonen

von Thomas Wörtche

 

Wer von Epigonen spricht, muss von den Vorbildern sprechen. „Unser ist das Los der Epigonen“, jammerte Gottfried Keller 1847, aber ihm saß schließlich immer noch Goethe im Nacken. Und der war zu dieser Zeit das Maß aller Dinge. Selbst der wahrlich originelle und innovative Heinrich Heine fühlte sich dem Dichterfürsten gegenüber hoffnungslos unterlegen. Aber das war einmal …

Der Ruch des Nichtselbständigen, Nichtoriginellen, bloß Nachfolgenden haftet dem Begriff immer noch an. Epigonen sind zweite, dritte und vierte Garnitur. Die imitatio veterum (die  Nachahmung der Alten) hat sich aus den Dichtungstheorien der Moderne verabschiedet. Oder hat sich in Form von Zitat, Parodie, Anspielung, Intertextualität und anderer Formen der Verarbeitung von fremden Texten als bestimmte literarische Strategien neu positioniert. In Gérard Genettes spannendem Buch „Palimpseste“ finden sich für diesen Mechanismus Beispiele in Hülle und Fülle. Er nennt solche Texte „Die Literatur der 2. Stufe“.

In der Moderne und Postmoderne wurde, was nach Original-Genie roch, erstmal lieber dekonstruiert, kritisiert und relativiert. Aber davon ging das Problem nicht weg. Das neue Zauberwort hieß „Innovation“. Die literarische Welt (natürlich gilt das alles auch für die anderen Künste) zerfiel in Innovatoren und Vollender oder Nachzieher. Grob gesprochen. Aber „Innovation“ war und ist ein immer noch positiver Begriff. Obwohl man eher vorsichtig damit umgehen soll: Nicht jede Innovation ist schließlich sinnvoll, wenn Innovation ein ausschließliches Qualitätskriterium sein soll.

Bei der Kriminalliteratur sieht es ein bisschen anders aus. Das liegt daran, dass die „Original-Genies“ keine allzu große normative Kraft gewinnen konnten. In literaricis. Fühlte sich Dashiell Hammett E.A. Poe gegenüber epigonal? Eher nicht. Die Autoritäten Agatha Christie oder Arthur Conan Doyle waren für Raymond Chandler alles andere als das. Und eine Menge der Christie-Epigonen waren und sind weit davon entfernt, Hammett und Chandler als normative Größen anzuerkennen.  In oeconomicis konnte das anders aussehen.

Probleme mit dieser speziellen Wertungskategorie (und das ist Epigonalität trotz der allmählich in der Literaturwissenschaft sachte gegenläufig einsetzenden Einschätzung des Phänomens) bekommt man auch, wenn man sich „Schulen“ betrachtet: Sind die Romane der Chandler-Adepten von Howard Browne bis Arthur Lyons und Robert B. Parker automatische Literatur der zweiten Garnitur, nur weil in diesen Büchern deutliche ästhetische Hinweise auf Chandler (Plot, Handlungsführung, Perspektive, Dialog-Inszenierung, Haltung zur Welt etc.) zu finden sind?

Andererseits: Kann man Donna Leon als Zögling einer „Schule“ bezeichnen, die dann etwa Magdalen Nabb und Michael Dibdin mit ihren „Maresciallo Guarnaccia“- respektive „Aurelio Zen“-Romanen gegründet hätten? Nach dem Motto: Angelsachsen schreiben „italienische Romane“. Oder hat sie nur ein intellektuelles Konzept übernommen und davon eine light version gebastelt, die aus Gründen der „Zielgruppe“ (deutsche Studienräte und andere Bildungsbürger) die sperrige italienità von Nabb und Dibdin zu einem disneylandartigen Pizza&Pasta-Szenario verwässert? So etwas produziert sogar manchmal schreiende Ungerechtigkeiten, wenn zum Beispiel der gemeinsame deutschsprachige Verlag Magdalen Nabb damit bewirbt, sie schreibe wie Donna Leon.

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