MIGRATIONSASSISTENTEN

von Max Annas

 

„Nicht ducken. Das fällt auf. Ihr müsst aufrecht sitzen.“ Der eine weiße Mann drehte den Zündschlüssel, startete den Wagen und schaltete das Licht an. Bevor er auf das Gaspedal trat, schaute er sich kurz um. Nickte den beiden Männern auf dem Rücksitz zu. Dann krempelte er die Hemdsärmel hoch und setzte den Golf in Bewegung, den er auf den Namen seiner Mutter gemietet hatte.

    „Sit upright“, sagte der zweite weiße Mann, der auf dem Beifahrersitz saß. „The cops will notice immediately.“ Er öffnete seinen schwarzen Hoodie und beugte sich nach vorn. Dann zog er die Ärmel über die Hände hinüber und richtete sich wieder auf. Er trug ein braunes T-Shirt mit weißem Totenschädel und gekreuzten Knochen. St. Pauli.

    „Ihr Deutsch mit uns sprechen“, sagte der eine schwarze Mann von der Rückbank. „Dafür wir gelernt.“ Der zweite schwarze Mann neben ihm, der hinter dem Beifahrer saß, nickte und grinste dabei.

    „Sorry“, sagte der zweite weiße Mann. „Normalerweise können die Leute, die wir hier treffen, nicht so gut Deutsch, aber Englisch können eigentlich alle.“

    „Hat Patricia doch noch erwähnt …“, sagte der Fahrer. „Dass sie Deutsch reden.“ Er bremste den Wagen kurz herunter und bog vom Waldweg auf eine geteerte Straße ab.

    Der andere weiße Mann drehte sich nach hinten. „Die Bullen achten auf ein paar Sachen. Also … die Polizei. Wenn ihr wie Flüchtlinge ausseht … also … wie die sich Flüchtlinge vorstellen, dann halten sie uns eher an, als wenn sie uns für alte Bekannte halten. Sind ja nur ein paar hundert Meter von der Grenze weg. Könnt ihr Autofahren?“

 

„Ich ja“, sagte der erste schwarze Mann. „Aber er hat kein Führerschein.“ Er nickte seinem Nachbarn zu. Dem ersten war das Jackett, das die beiden Weißen mitgebracht hatten, viel zu weit. Der andere zog seins jetzt zurecht. Etwas zu groß, ein wenig Leere in den Schultern.

    Der Fahrer drehte das Fenster herab. Laue Nachtluft wurde ins Auto geblasen. Die vier Männer fuhren durch dichten Wald und der Regen des Nachmittags machte den Geruch ganz grün. Einer nach dem anderen sog die Luft in sich auf. Gab sie mit leisem Ahh verbraucht wieder preis. An der Straße ein Schild, das eine Höchstgeschwindigkeit von 80 Kilometern anzeigte. Der Fahrer ging sofort auf die Bremse und drosselte das Tempo. Die Strecke wurde kurvig, er drehte das Fernlicht an.

    Das Telefon, das auf der Konsole befestigt war, blinkte. Der Beifahrer drückte den grünen Knopf. „Viel Verkehr heute“, kam eine Frauenstimme aus dem Telefon.

    „Wo?“, fragte der Fahrer.

    „Überall und viel zu viel“, sagte die Stimme aus dem Telefon. „Unangekündigte Alkohol- und Geschwindigkeitskontrollen. Auch da, wo ihr unterwegs seid. Die ganz große Nummer.“

    „Scheiße“, sagte der Beifahrer und schaute einem Wagen hinterher, der ihnen mit aufgeblendetem Fernlicht entgegengekommen war.

    „Schleichwege?“, fragte der Fahrer.

    „Nein“, sagten der Beifahrer und die Stimme im Telefon gleichzeitig. Die Stimme im Telefon redete weiter. „Schleichwege machen besonders verdächtig. Und die Aktion ist wirklich ganz groß. Im Lokalradio gibt’s schon kein anderes Thema mehr, da werden sich genug Leute überlegen, vielleicht von den breiten Straßen abzufahren. Aber da stehen sie auch. Sie sind überall.“

    „Mist. Freitagabend. Was machen wir denn?“ Der Fahrer.

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