"The New John Rebus"

von Carsten Germis

 

"Männlicher Held (ein Polizist?)". Am 15. März 1985 notierte sich der damals 24 Jahre alte Student Ian Rankin diese kurze Skizze. Diese beiläufig hingekritzelte Notiz ist die Geburtsstunde von Detective Inspector John Rebus. Rankin lebte damals in der schottischen Hauptstadt Edinburgh in einer Studenten-WG und saß an einer Doktorarbeit über die schottische Schriftstellerin Muriel Spark und ihren gefeierten Roman "The Prime of Miss Jean Brodie". Diese Miss Brodie war eine Nachfahrin von William Brodie, einer dunklen Gestalt in der Geschichte Edinburghs. Tagsüber ein hoch geachteter Bürger, wurde er nachts zum Räuber und Mörder. Rankin – aus einem Arbeiterhaushalt kommend – verschlang damals die Bücher schottischer Autoren. Robert Louis Stevensons "The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde" oder James Hoggs "Confessions of a justified Sinner".

Für Rankin ist das bis heute das größte Problem mit seinem ersten Rebus-Roman "Knots and Crosses" (erschienen 1987, deutsch: "Verborgene Muster"): Das Buch entstand aus einer intellektuellen Spielerei des jungen Literaturstudenten. Rebus, der trinkfreudige Polizist mit Arbeiterhintergrund, zitiert am laufenden Band Schriftsteller. Rankin selbst sagt, er habe seinen ersten Rebus-Roman als Experiment, aber nicht als Krimi gesehen. "Ich habe keinen Kriminalroman geschrieben", sagte er immer wieder, wenn er das Buch in Buchhandlungen unter "Mysteries" einsortiert sah.  Der Krimi-Internet-Plattform "Kaliber .38" sagte er in einem Interview, er sei nur durch Zufall Krimiautor geworden.

Entsprechend blass ist Rebus als Charakter in diesem ersten Buch der Serie, die mittlerweile auf bald 20 Bände angewachsen ist. "Ich glaube, es ist wahr zu sagen, dass der Leser in diesem (ersten) Buch mehr Distanz zu Rebus spürt als in allen anderen, die folgten", sagt Rankin.

Der Jungautor Rankin hatte damals keine Pläne, Rebus zur Serienfigur einer Krimireihe zu machen. Er schrieb nach "Knots and Crosses" erst einmal einen Spionageroman. Drei Jahre vergingen, der erhoffte Erfolg als Schriftsteller blieb aus, als sein Verleger den Autor auf die richtige Spur brachte. "Ich mochte ihn (Rebus), und ich glaube, Sie können mehr aus ihm machen …", sagte der Verleger. Er sah das Potential dieses Charakters, lange bevor Rankin sich dem Gedanken öffnete.

"Hide and Seek", der zweite Rebus-Roman, erschien dann 1991 (deutsch: "Das zweite Zeichen"). Rankin hatte inzwischen geheiratet, er hatte sein Studium abgebrochen und war nach London gezogen. Auch Rebus schickte er  deswegen in seinem dritten Krimi ("Tooth and Nail", 1992) nach London, um dort zu ermitteln. Rebus drückt genau die Verachtung für die britische Hauptstadt aus, die Rankin damals empfand. Über London näherte sich der Autor seinem Charakter an, dem er immer mehr seine eigene Geschichte und seine eigenen Ansichten über die schottische und die britische Gesellschaft andichtete. "Der Schaden war da: Drei Bücher, ich hatte eine Serie begonnen." Erst jetzt machte der Autor seinen Frieden mit seinem Helden John Rebus. Mit den Augen des Polizisten sieht er nun Schottlands Hauptstadt und Entwicklungen und die Fehlentwicklungen der schottischen Gesellschaft. "Solange Inspektor Rebus sich als zufriedenstellendes Vehikel für meine Untersuchungen über das gegenwärtige Schottland erweisen sollte, würde die Serie anhalten", schrieb Rankin später über diese Entscheidung. Als Polizist hat Rebus Zugang zu den höchsten Kreisen, zu den Oligarchen und Politikern, aber auch zu den Junkies und den Taschendieben in den Armenvierteln. Er ist so etwas wie ein konservativer Anarchist. Mit den Augen seines Polizisten streift Rankin nun durch Edinburgh und Schottland.

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