Notausgang

von Sonja Hartl

 

Eigentlich hatte Arne Dahl vorgesorgt: Damit ihm das Schicksal eines Reihenkrimischriftstellers erspart bleibt, war seine Serie um die A-Gruppe in Anlehnung an die legendäre Kommissar-Beck-Reihe auf zehn Bände angelegt, die innerhalb von zehn Jahren erscheinen sollten. Jedes Jahr einer. Es wäre eine Reihe gewesen, deren Ende von vorneherein feststeht, die als Fortführung des gesellschaftskritischen Kriminalromans angelegt ist und eine Bestandsaufnahme der Gegenwart liefert, wie sie von 1965 bis 1975 von Maj Sjöwall und Per Wahlöö mit ihrem zehnteiligen „Roman om ett brott“ (dt. „Roman über ein Verbrechen“) durchgeführt wurde.

Die Verbindungen sind deutlich zu erkennen: Sjöwall/Wahlöös Protagonisten Beck und Kollberg sind durchschnittliche Menschen, von Beruf Polizisten, die nach und nach erkennen müssen, dass die schwedische Gesellschaft in den 1970er-Jahren und der Kapitalismus menschenfeindliche Systeme sind. Bald – so hofften Sjöwall/Wahlöö – würden diese Systeme zusammenbrechen und sich sozialistische Gesellschaftsformen durchsetzen. Doch zwischen dem letzten Teil „Die Terroristen“ (1975) und Arne Dahls Auftakt der A-Gruppen-Romane (1998) ist einiges geschehen: Der Mord an dem schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme hat die schwedische Gesellschaft erschüttert, durch den Zusammenbruch der Sowjetunion wurde die menschenverachtende Seite des Sozialismus deutlich und die Globalisierung schwächte den Glauben an eine nationale (marxistische) Wende. Deshalb hofft Arne Dahl nicht mehr auf einen nationalen gesellschaftlichen Wandel, sondern seine Gruppe verkörpert seine Utopie: Sie soll Fälle besser aufklären als die Polizisten, die in dem Mordfall Palme herumpfuschten, als Gruppierung innerhalb der Reichspolizei agieren und in außerordentlichen Verbrechen ermitteln, die von Kapitalismus und Globalisierung bestimmt sind. In der Zusammensetzung ist die Gruppe heterogen: Paul Hjelm ist nachdenklich, gebildet und leidet wiederholt an Weltschmerz, Kerstin Holm ist intelligent und analytisch, Arto Söderstedt ist Finnlandschwede und war einst ein brillanter Strafverteidiger, Gunnar Nyberg ist Ex-Bodybuilder und größter Polizist Schwedens, Viggo Norlander ist grüblerisch und erfahren, Sara Svenhagen ist die Tochter des Chef-Forensikers und Expertin für Kinderpornographie, und Jorge Chavez ist Sohn chilenischer Emigranten, Computer-Experte und Musiker. Sie arbeiten vorbildlich zusammen, haben aber in den Büchern jeweils auch individuelle Handlungsstränge. Gemeinsam steht die Gruppe indes ständig vor der Gefahr aufgelöst zu werden. Ihre Fälle liefern ein Abbild von der kapitalistischen Welt, in der Ländergrenzen wenig bedeuten: In „Misterioso“ suchen sie einen Machtmörder, der Banker und Geldmenschen ermordet, in „Böses Blut“ glauben sie sich auf der Spur des Kentuckymörders, der in den USA mordete und nun in Schweden aktiv sein könnte; ihre Ermittlungen führen sie mitunter nach Italien – und zu Kriegsverbrechen in Polen, sie thematisieren Überwachung, das Ende der Privatheit und Gewalt gegen Frauen. Mit seinen zehn Romanen um die A-Gruppe liefert Arne Dahl somit ein Abbild der gegenwärtigen Gesellschaft, zudem erweist er sich nicht nur als literarisch bewandert, sondern oft auch als politisch hellsichtig und überzeugt mit seinem zehnteiligen Reihenkonzept.

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