Im deutschen Biedermeier rückt der Krimi nach rechts

von Carsten Germis

 

Die These muss viele Leser von Thrillern, viele Anhänger des Noir erschrecken und ärgern. „Warum Krimis links sind und Thriller rechts“, schrieb die britische Krimiautorin Val McDermid ausgerechnet am 1. April in ihrem Krimiblog im linksliberalen Blatt „The Guardian“. Der Thriller, schreibt sie, neigt zum Konservativen, weil seine Welt in Unordnung zu geraten droht, weil er Ängste bedient, alles könnte ausgelöscht werden, was Autor und Leser etwas bedeutet. Die Bedrohung durch das Böse ist Wesensmerkmal des Thrillers. Die Strukturen des liberalen Rechtsstaates sind korrupt, bestenfalls unfähig; es bedarf des Helden, das Böse zu stoppen. Der Londoner Kommunikationswissenschaftler Paul Cobley hat in seiner Studie über „The American Thriller“ an vielen Beispielen gezeigt, wie sehr rechtes Gedankengut, Paranoia und Verschwörungstheorien zur Anfangszeit des Thrillers gehören. Selbst das Magazin „Black Mask“, das in den 1920er-Jahren zur Geburtsstätte des Noir wurde, war weit davon entfernt, ein ideologiefreies Projekt zu sein, zeigt er. Der einsame Kämpfer gegen das Böse; Gewalt, die sich nur durch Gegengewalt bekämpfen lässt, Verschwörungstheorien; eine korrupte, bürgerliche Elite mit ihren Systemparteien   – wenn das nicht nach rechts weist, was dann? Bei Autoren wie Tom Clancy ist das extrem rechte Gedankengut offensichtlich. Aber ist der in Deutschland im Zeitungsfeuilleton und von Krimikritikern so vielgelobte Lee Child mit seinem Helden Jack Reacher wirklich so viel anders? Gut geschrieben, gute Plots – aber im Kern doch ausgestattet mit einem gewalttätigen, reaktionären Weltbild wie die Helden bei Clancy?

Nein, nein, das kann nicht sein, tönt es aus dem Thriller-Lager. Der Meister des Spionage-Romans, John le Carre, ein Rechter? Zumindest zeigen seine frühen Thriller wie „Der Spion, der aus der Kälte kam“ zwar auch der perfide Spiel westlicher Dienste, aber immer vor dem Hintergrund einer realen sowjetischen Bedrohung. Le Carré ist vielleicht im besten Sinne des Wortes ein Verfechter der westlichen, liberalen, freiheitlichen Ordnung, aber mit Sicherheit ist er kein Linker. Oder Ross Thomas, der Meister des amerikanischen Polit-Thrillers? Deren Thriller haben doch aufklärerisches Potential. Sind die also links? Ernüchternd wirkt da, was sogar ein Autor wie James Ellroy von sich selbst sagt. Wohl kaum jemand hat wie er die Gewalt, die Korruption der amerikanischen Gesellschaft beschrieben.  Doch er tut das als dezidiert Konservativer. „Ich bin ein Konservativer“, sagt er immer wieder. Selbst die reaktionäre Bewegung der Tea Party findet Ellroy gut. Die rote Gefahr? Hat es wirklich gegeben, sagt er. Er beschreibt zwar die Bösewichter dieser Welt, die korrupten Strukturen so gut wie kaum ein anderer. Nur – er sieht, und darin ist er konservativ, das Böse als Teil des Menschlichen und des Menschseins. So erzeugt Gewalt Gegengewalt. Die Liste ließe sich fortsetzen.

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