Mike Nicol nutzt also die erzählerische Form eines Thrillers, um mehr als Spannung und ‚Schauergefühle‘ zu transportieren. Damit ist keine Wertung des „Thriller“ impliziert, vielmehr ist die „Rache“-Trilogie ein Beispiel dafür, dass der Begriff nicht der Heterogenität der Texte gerecht wird, die unter ihm subsumiert werden.

Strukturelle Ungleichheit – Max Annas

Versteht man eine vorwärtsgerichtete Handlung, Spannung und Action als konstituierend für den Thriller, lässt sich auch „Die Farm“ von Max Annas als Thriller einordnen. Schon im ersten Absatz fällt der erste Schuss, es gibt einen Toten, die Belagerung der Farm von Franz Muller nimmt ihren Anfang. Zusammen mit seiner Familie, einer Nachbarin, einem Polizisten sowie seinen Arbeitern wird er neun Stunden lang im Farmhaus eingekesselt sein. Neun Stunden, in denen sich die Menschen fragen, ob es Gründe für die Belagerung gibt, und ehe die Polizei bemerkt, dass auf der Farm etwas vor sich geht, neun Stunden, in denen zahllose Schüsse fallen und von denen Max Annas in kurzen, mit Zeitangaben übertitelten Kapiteln knapp erzählt.

In der Ausgangssituation erinnert „Die Farm“ an John Carpenters „Assault on Precint 13“ (der als Actionthriller bezeichnet wird), der wiederum auf Howard Hawkes Western „Rio Bravo“ verweist. In beiden Filmen kommt es zu einer Belagerungssituation (Gefängnis; Polizeistation) und aufrechte Männer versuchen, die Ordnung aufrechtzuerhalten. Diese Figur fehlt in „Die Farm“: Muller ist ein weißer Farmbesitzer in Südafrika, ein Rassist, dessen gesellschaftliche Ordnung mit dem Ende der Apartheid aus den Fugen geraten ist, und der sich – wenngleich er es nicht gerne zugibt – von seinen schwarzen Arbeitern bedroht fühlt. Auch die anderen Eingeschlossenen eignen sich nicht als Helden, noch nicht einmal die entschlossene, mutige, bigotte Nachbarin.

Auch entsteht die Spannung nicht durch die Action, sondern durch das Gegeneinander von drinnen und draußen. Die im Farmhaus Eingeschlossenen überlegen, ob die Belagerung mit ihnen zusammenhängen könnte – und es gäbe eine Reihe Gründe –, dadurch steht die Frage im Mittelpunkt, was „die da draußen“ von ihnen wollen und wie sicher sie „hier drinnen“ sind. Unterdessen bemerken auch die Belagernden, dass bei ihrem Vorhaben etwas schiefläuft, sie sind von der Gegenwehr der „da drinnen“ überrascht. Dieser Konflikt spitzt sich stetig zu und steuert auf einen Höhepunkt zu – eine Situation, die an einen Western erinnert.

Max Annas zeichnet in „Die Farm“ anhand des Mikrokosmos einer Farm ein Bild von der Schieflage in der südafrikanischen Gesellschaft, zu der Rassismus, der Hass der Schwarzen auf die Weißen und vor allem eine historisch bedingte, strukturelle Ungleichheit gehören, auf die auch Jahrzehnte nach Ende der Apartheid keine Antwort gefunden wurde. Die fehlende Einordung auf dem Buchdeckel ermöglicht eine größere Offenheit in der Lektüre, „Die Farm“ lässt sich als harter, temporeicher Actionthriller, als Spannungsroman oder sogar als literarische Weiterentwicklung eines Filmstoffes lesen.

Nicol und Annas erzählen somit auf höchst unterschiedliche Weise von der Gegenwart in Südafrika. Beide Bücher lassen sich als Thriller bezeichnen, bei beiden griffe diese Zuordnung zu kurz: Nicol wählt einen großen erzählerischen Bogen, fast wie ein klassisches Rachedrama konstruiert er seine Trilogie um den Konflikt zwischen February und Bishop. Annas erweitert eine Duellsituation auf mehrere Personen, die allesamt eigene Ziele verfolgen und Untaten verbergen. Dadurch zeigen diese Beispiele, dass es bei der Frage der Zuordnung vielmehr um Fragen der Positionierung, des Marketing und der Wertung geht – und weniger um das Buch an sich.

 

Sonja Hartl © 07/2015

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