Thriller und mehr?

Über Mike Nicols und Max Annas‘ Südafrika-Bücher

von Sonja Hartl

 

Mike Nicol und Max Annas erzählen in ihren Büchern von dem Südafrika der Gegenwart, einem Land, dessen Gesellschaft weiterhin unter den Folgen der gewalttätigen Vergangenheit leidet. Beide Bücher sind „spannend“, enthalten „Action“ und erfüllen damit die Kriterien, die unabhängig von der Frage, ob eine Einordnung in Genres und Subgenres sinnvoll ist, erfahrungsgemäß mehrheitlich an einen Thriller gestellt werden. Doch nur auf den Bänden von Mike Nicols ‚Rache‘-Trilogie steht das Wort deutlich, bei „Die Farm“ von Max Annas fehlt eine Genrebezeichnung. Lassen sich Unterschiede zwischen Büchern von feststellen, die die Einordung bzw. ihr Fehlen erklären?

Gewalt und ihre Folgen – Mike Nicol

In der ‚Rache‘-Trilogie erzählt Mike Nicol von den ehemaligen Waffenhändlern Mace Bishop und Pylon Buso, die sich ab 1998 in Kapstadt ein neues Leben in der Legalität einer Sicherheitsfirma aufbauen wollen. Bald merken sie, dass im neuen Südafrika die Trennlinien nicht mehr zwischen Schwarz und Weiß, sondern Arm und Reich verlaufen – was oftmals, aber nicht immer gleichbedeutend ist – und dass alte Pfründe sowie neue Seilschaften weiterhin die Politik und Geschäftswelt korrumpieren. In den drei Bänden „payback“, „killer county“ und „black heart“ stehen somit Verbrechen an der Tagesordnung, die vom Staat, von Politikern, Polizisten und gewöhnlichen Gaunern verübt werden, im Hintergrund zieht zudem die Anwältin Sheemina February ihre Fäden, die mit Mace Bishop noch eine Rechnung offen hat.

Mike Nicols Bücher lösen die Erwartungen an einen Thriller ein: Seine Protagonisten haben verschiedene, teilweise übermächtig wirkende Antagonisten, die von einflussreichen Interessensgruppen unterstützt werden, und auf eine spannende Situation folgt ein Moment der Entspannung, der jedoch meist nur kurz ist. Allein die Eröffnungsszene von „payback“ verdeutlicht die Atemlosigkeit und Spannung: Drei Männer sitzen in einem Auto und beobachten ein Haus. Dann dringen sie dort ein, schlagen die Frau nieder, bedrohen ihre sechsjährige Tochter – und es folgt ein Schnitt. Die Handlung springt zurück. Nach und nach ist zu erfahren, wie und warum es zu diesem Überfall kommen konnte, am Ende wird das entführte Mädchen befreit. Zugleich unterläuft Mike Nicol die Thriller-Konventionen, indem sein Protagonist Mace Bishop immer tiefer sinkt und sich nur wenig von denen unterscheidet, gegen die er antritt; Moral oder Gerechtigkeit gibt es nicht mehr. Selbst bei der Befreiung des Mädchens wird zwar der Entführer getötet und damit ein Gefühl der Rache befriedigt, doch das Mädchen wird von einer Kugel getroffen und fortan querschnittsgelähmt sein. Denn es geht Mike Nicol nicht nur um maximale Spannung und Action, vielmehr durchdringt er in seiner Trilogie die Gewaltstrukturen von Südafrika. Gewalt dominierte in diesem Land die Vergangenheit, sie ist noch immer an der Tagesordnung und ihre Folgen sind noch lange nicht verebbt. Gewalt zieht immer Konsequenzen nach sich – im Fall der Entführung direkte Folgen, in anderen Fällen lassen sie länger auf sich warten. Deshalb spielt es auch keine Rolle, ob Bishop und Buso auf der „richtigen“ Seite waren oder sind (sie haben einst Waffen für den ANC geschmuggelt), denn Gewalt zerstört alles – und das ist mehr als thrillergemäße Action, das ist knallharte Realität.

     weiterlesen