LeCrit

von Frank Göhre

 

Die Handhabung des Skalpells war ihm seit jeher vertraut. Nie war ihm ein Fehler unterlaufen. Doch wenn er auf jene Jahre zurückblickte, war ihm, als schaue er durch einen Schleier aus Blut.

Er ist Mitte Fünfzig, ein schlanker und nach wie vor gutaussehender Mann, den einst ein gewinnendes Lächeln charakterisierte. Das Lächeln des Dr. Matthias. Es war sein Kapital. Auf unzähligen Charity Events hatte man ihm Schecks in fünf- und sechsstelliger Höhe in die Hand gedrückt, gelegentlich verbunden mit einer geflüsterten Verheißung. Er hatte keine der Frauen aus Hamburgs bester Gesellschaft zurück gewiesen, aber seine Verachtung für sie war gewachsen. Verachtung, die in Hass umschlug. In einen stillen, eiskalten Hass. Er spürte ihn mitunter so stark, dass er glaubte, diese Kälte bringe ihn noch um. Doch er wusste, sich davor zu schützen.

Dr. Matthias beugte sich zu dem leblos auf den Fließen liegenden Hund. Es war ein großes, schweres Tier. Das diamantenbesetzte Halsband hatte sich tief in sein schwarzes Fell eingegraben. Dr. Matthias trennte es mit dem Skalpell ab. Unter seiner dunklen Schweißerbrille rannen Tränen hervor. Sie wurden zu glitzernden Kristallen.

Seit er vor nicht allzu langer Zeit auf dieser von blutigen Revolutionen und verheerenden Wirbelstürmen heimgesuchten Karibikinsel Zuflucht  gefunden hatte, war „The Beast“ sein ständiger Begleiter gewesen. Die Blackies hatten das Tier gefürchtet – Sklavenmentalität, hatte Dr. Matthias verächtlich kommentiert. Er hatte den Hund Nacht für Nacht frei auf dem Hügel herumlaufen lassen. Von den dicht bewaldeten Bergen her wehte dumpfes Trommeln herüber: Beschwörungsrituale. Wilde Tänze bei loderndem Feuer in einem Kreis aus Maismehl. Hypnose und Trance. Entrückte Gesichter, weiß geschminkt und mit Hühnerblut besprenkelt. Voodoozauber zu ins Feuer geschüttetem Rum. Mannbarkeitsriten. Totenkulte.

Dr. Matthias hievte das steif gefrorene Tier hoch und trug es aus dem Haus. Es war ein festungsähnliches, hoch über der Bucht liegendes Gebäude, einst die Residenz des von Aufständischen grausam ermordeten Generalgouverneurs. Farne und die großen Wedel der wilden Banane wucherten am Rand des schmalen und gewundenen Weges, der hinunter in den Ort führte. Die Häuser waren klein, auf Stelzen oder niedrigen Betonpfeilern errichtet, mit steilen Wellblechdächern. Um sie herum, auf einer Fläche von wenigen Quadratmetern, Süßkartoffelanbau und kleine Bäume, Brotfrucht und die tropische Kastanie, Banane, Avocado, Grapefruit und Mango. Dr. Matthias ernährte sich inzwischen fast ausschließlich von Früchten und von dem Champagner, den er sich wöchentlich kistenweise  anliefern ließ. Er hatte ein Vermögen angehäuft, das er bei seiner Flucht aus Deutschland schnell noch in den mittlerweile unabhängigen Karibikstaat hatte transferieren können.

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