Wie heißen die Dinger bloß?

Eine Begriffsverwirrung

von Thomas Wörtche

 

Die sehr geschätzte Val McDermid hatte neulich – am 1. April 2015 – im Guardian eine sehr interessante Unterscheidung gemacht: Why crime fiction is leftwing and thrillers are rightwing war der Text überschrieben und stellte damit eine bemerkenswerte These auf. Zwar diskutiert Val McDermid diese These – die auch eher ein Zitat vom ebenfalls sehr geschätzten Ian Rankin ist – nicht, sondern erklärt ihre Intentionen beim Schreiben von möglichst populären Kriminalromanen, die sich sehr wohl in politische Diskurse einmischen wollen und zu den politischen Themen der Zeit durchaus eine Haltung haben. Aber eine meaning of structure ihrer eigenen Romane mochte sie doch eher nicht konstatieren. Also, wenn Val McDermid Ian Rankin richtig verstanden hat und ich Ian Rankin via Val McDermid, dann meint er, dass die Form etwas über politische Orientierungen aussagen kann. Wobei an der Stelle noch nicht klar ist, ob die Form per se eine politische Implikation hat. Oder nur besonders günstig, aber nicht zwingend notwendig politisch funktionalisiert wird. Rankin scheint der Ansicht zu sein, dass „crime novel, roman noir“ und „krimi“ nach links tendieren und dem gesellschaftlichen Status quo – offen oder subtiler – kritisch gegenüberstehen, oft Figuren eine Stimme geben, die nicht zum Establishment gehören – Immigranten, Sexarbeitern, den Armen und den Alten, den Besitzlosen und den Leuten, die nicht zur Wahl gehen. Der Thriller hingegen (immer noch McDermid paraphrasiert Rankin) neige zum Konservativen, weil er eine Art Nullsummenspiel ist, der die bekannte Welt verdreht.

Hmmmmmm?

Lassen wir im ersten Teil der These mal den „Krimi“ weg, der nicht unbedingt und meistens eher das Gegenteil eines roman noir ist, und schieben das erst einmal auf unterschiedliche nationale Begrifflichkeiten und grundsätzliche Unklarheiten. Kein Mensch weiß genau, was ein Krimi ist. Aber alle wissen es. Dass der roman noir in der Tat eine sozialkritische Komponente haben muss, ist angesichts des Elends und der Verzweiflung, die er artikuliert, klar. Und selbst wenn er psychologisiert, sind auch psychische Dispositionen und Zustände Resultate gesellschaftlicher Vorgänge. Im „Thriller“ hingegen, zumindest soweit er Serialkillerroman (und davon abgeleitete andere special formats) ist, wird gerne „das Böse“ beschworen. Und das siedelt, egal welche Sozialität um es herum herrscht, im Menschen. Es ist objektiv identifizierbar, kann also nur im Rahmen eines dualistischen Weltbilds existieren – ohne das Gute ist das Böse bekanntlich nicht zu haben -, identifiziert und im Einzelfall aufgespürt, bekämpft und vernichtet werden. Das Scheusal ist tot, es lebe das Scheusal, denn „das Böse“ ist anthropologisch definiert. Der nächste Unhold harrt seiner Bearbeitung. Und kein vernünftiger Mensch wird ja das Böse gut finden, wenn es sich nur an ein paar universal scheußliche Gewalttaten hält: Kinder morden und schänden ist das letzte Tabu, das es noch zu brechen galt, um dem Bösen sein Tätigkeitsfeld zuzuweisen. In der Tat sind Thriller, die so denken, meistens von Leuten ersonnen, die eher metaphysische als soziale Kausalitäten bevorzugen. Oder etwa nicht? Das steht und fällt ein bisschen mit dem Begriff „crime novel“. Im Englischen eher neutral „Kriminalroman“. 

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