Liebe Leserinnen und Leser,

was ist links, was ist rechts? Erschütterte die Frage ideologisch noch das letzte Jahrhundert, ist sie nun zu einem Spiel verkommen. Wer sie im Krimi stellt und gleich wie Val McDermid im Guardian eine Provokation in die Welt setzt, der Krimi sei links, der Thriller rechts, muss auf Widerspruch gefasst sein. In unserer heutigen Zeit stellen wir dem globalen Kapitalismus eher Ratlosigkeit als Fundament gegenüber? Und das Genre? Hat es einen Wandel durchlebt? Oder lässt sich die Welt der Krimis mit überfrachteten, toterklärten Weltbildern auch heute noch bestens in Gut und Böse scheiden? Schließlich ist die Gerechtigkeit doch für alle da. Frei nach Sartre: Die Hölle, das sind die andern. Die neue Ausgabe der Polar Gazette beschäftigt sich mit der hochbrisanten Frage aller Fragen: Was nützt mir die Schublade, wenn jeder reinpasst?

Kann die Form etwas über die politische Orientierung aussagen, fragt sich Thomas Wörtche in seiner Kolumne „Wie heißen die Dinger bloß?“ Carsten Germis entdeckt in „Im deutschen Biedermeier rückt der Krimi nach rechts“ eine selbstgerechte deutsche Nation, in der linke Krimis ein Nischenprodukt sind. Oder unterscheidet den Thriller vom Kriminalroman nur, dass mehr Action darin vorkommt? Sonja Hartl nimmt Mike Nicols und Max Annas Südafrika-Thriller unter die Lupe. Außerdem fragen wir uns „Rechts, Links oder Geradeaus“? Dass man auf der Flucht nicht allein mit dem Geld durchbrennt, vor allem vor sich selbst wegrennt und auf mythischen Inseln den fremden Zauber meiden sollte, davon erzählt Frank Göhre in seiner Story „LeCrit“.

Im Noir wiederum ist die politische Ausrichtung klar. Da wird die Gesellschaft kritisch beleuchtet und nicht stabilitätsfördernd abgesichert zur Gerechtigkeit gezwungen. Stimmt es also, dass es heute mehr Autoren mit rechter Gesinnung gibt als früher? Spült der Erfolg des Genres das Gesicht einer Gesellschaft hoch, die mit sich im Reinen ist? Umso mehr, weil der Gegenpol fehlt? Val McDermids Artikel im Guardian hat hier für Belebung gesorgt.

Sein oder nicht sein … lässt Shakespeare seinen Hamlet fragen. Einem jener Noir-Helden, die nicht von einem Genre aufgefressen wurden.

 

Viel Spaß beim Lesen

Ihre

Polar Gazette