SARA VERSCHWINDET

von Sunil Mann

 

Der erste Fausthieb trifft sie in der Nierengegend. Er erwischt sie kalt, einmal mehr, ihr Torso zuckt nach hinten und sie spürt, wie ihre Beine unter ihr nachgeben, wie sie den Halt verliert, gerade kann sie sich noch am Rand des Abwaschbeckens festklammern. Ein kraftloses Stöhnen entweicht ihr. Der Schmerz schießt erst mit Verzögerung durch das Nervensystem, das kennt sie mittlerweile nur zu gut, als wäre ihr Körper genauso überrumpelt wie sie. Eine Ohrfeige schleudert ihr Gesicht gegen die Kante der Küchenkombination, der folgende Schlag zielt auf ihr Handgelenk. Sie lässt los und hält sich instinktiv die eine Hand vor den Bauch, während sie mit der anderen versucht, den Aufprall abzumildern, ein Finger knackst, dann ein heftiger Fußtritt in den Rücken, und gleißende Lichtblitze explodieren vor ihren Augen. Ihr Leib krümmt sich wie von selbst. Unablässig tritt er auf sie ein, mit dieser gnadenlosen Wut, von der sie nicht ahnt, woher sie kommt, malträtiert ihren Hintern, das Steißbein, die Wirbelsäule. Kein Laut ist zu hören, sie beißt die Zähne zusammen, weinen wird er sie nie sehen, ihr Stolz ist das Einzige, was sie ihm entgegenhalten kann.

    Diese dumpfe Stille danach, die glühenden Stellen an ihrem Körper, Höllenqualen. Draußen rauschen Pneus über den nassen Asphalt, weißes Scheinwerferlicht streift kurz die Jalousien. Das Kratzen des Bestecks auf seinem Teller zerreißt ihr fast das Trommelfell. Die Zeit scheint stillzustehen, zumindest für sie. Sie senkt den Kopf, und die Gabel dreht endlos im Spaghettinest, eine einzelne Träne tropft in die giftig grüne Pestosoße. Unauffällig fährt sie mit der Zunge über die Zahnreihen, alles noch da, wenigstens diesmal, nach und nach füllt dennoch ein metallischer Geschmack ihren Mund. Einen Grund gibt es nicht, das weiß sie aus Erfahrung, er braucht keinen. Vorsichtig blickt sie auf.

    »Was ist?«, schnauzt er sie schmatzend an und tippt gleich wieder auf seinem Handy herum. Gleichgültig, als wäre nichts geschehen.

    Sie erspart sich die Antwort. Seit sechs Jahren sagt sie nichts, um es nicht noch schlimmer zu machen, sie weiß nur zu gut, wozu er fähig ist.

    »Denk nicht einmal daran abzuhauen«, hat er ihr mehr als einmal gedroht. »Denn ich finde dich, selbst wenn ich dich am Arsch der Welt suchen muss!«

    Später trägt sie das schmutzige Geschirr in die Küche und lehnt sich schwer atmend gegen die Kühlschranktür, wartet reglos, bis sie ihn die Jacke anziehen hört, er den Hund zu sich pfeift und endlich die Tür ins Schloss fällt. Im selben Moment verlässt sie all ihre Kraft, sie sinkt zu Boden; die Hände vors Gesicht geschlagen rollt sie sich auf den kühlen Keramikplatten ganz klein zusammen.

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