Was ist denn da komisch?

von Thomas Wörtche

 

Lustische Krimis sind groß in Mode. Schweinskopf- und Knödelkrimis, Mördchen am Örtchen oder ähnliches Zeug. Lustische Krimis sind vermutlich noch grauenerregender als unlustige.  Grauenerregend auch die Formelsprache, mit der über solche Dinge geredet wird: Der Autor spart nicht mit Humor oder Der Krimi ist mit einer Prise Humor gewürzt. Oder so. Dahinter steckt nicht nur die intellektuelle Bankrott-Erklärung dessen, der zu solchen Formeln greift, sondern auch ein tiefes Unverständnis vom Wesen und der Kraft der Komik. Gerade bei Kriminalliteratur.

    Deswegen gleich zur Sache: Komik in der Kriminalliteratur ist ein Qualitätskriterium. Total unkomische Kriminalromane sind meistens – Ausnahmen gibt es, klar – keine wirklich guten Kriminalromane. Der düsterste und schwärzeste roman noir, der nichts ist als düster und schwarz und schlimm und furchtbar, steht zumindest mit einem Fuß im Kitsch. Selbst große Autoren des noir schliddern letztendlich nur deswegen am Kitsch vorbei, weil sie dann,  dennoch, komische Momente aufbieten: Bei Derek Raymond zum Beispiel, dessen Düsternis kaum noch mehr zu verdüstern ist, sind die harten, schnellen, anti-autoritären Dialoge ein künstlerisches Mittel, das Pathos von Verzweiflung, Depression und Trauer kommunizierbar zu machen, ohne deswegen Verzweiflung, Depression und Trauer zu suspendieren. Denn ohne die brechende und ambiguisierende Kraft von Komik wird ein Element des Textes totalitär und dogmatisch und ist insofern relativ einfach diskreditierbar, weil es sich 1:1 im Text abbildet. 1:1 von Text und Gemeintem aber ist gerade ein Kennzeichen von Nicht-Literatur.

    Anti-totalitär, anti-ideologisch funktioniert die Komik auch im Fall Jean-Patrick Manchettes. Man bezeichnet den „Gründer“ des Néo-Polar (was immer das sein mag, diskutieren wir hier nicht, sondern benutzen den Begriff als Kennzeichnung) als „politischen Autor“. Vordergründig, weil er „politische Themen“ wie den Algerienkrieg, den Kapitalismus, „das System“ etc. in seinen Büchern behandelt. Das berühmteste Beispiel dürfte „Nada“ sein, ein Roman aus dem Jahr 1972, in dem es um eine „terroristische“ Aktion geht – um die Entführung des amerikanischen Botschafters in Paris durch eine Gruppe ziemlich wirrer „Anarchisten“ (man nennt sie so, sie sind aber nicht unbedingt im klassischen Sinne welche). Schließlich müssen die Entführer lernen, dass sie sich mit einer terroristischen Organisation angelegt haben, gegen die sie eine bewaffnete Krabbelgruppe sind – mit dem Staat und seinen Geheimdiensten. Das ist auf der Inhaltsebene und „analytisch“ betrachtet völlig richtig, aber eher eine These über den Zustand der Welt. Ästhetisch, also als Roman, wäre diese These banal bzw. notfalls reine Propaganda.  Aber Manchette erzählt lakonisch-sarkastisch-ironisch und unterläuft damit nicht nur Beschreibungsmuster durchschnittlicher Spannungsliteratur wie die Aufzählungen von Tatsachen – nachdem er, zum Beispiel, hyperpenibel den Lebenslauf eines „Anarchisten“ aus vielen belanglosen Details zusammengebastelt hat, wird er am wirklich entscheidenden, ernsthaften Punkt völlig unscharf: „Er hat fünf oder sechs Leute getötet“. Perdautz, eine Fallhöhe auf der Satzebene, die nach dem ganzen Aufwand komisch wirkt. (Für die Akten: Ich kann niemanden zwingen, Komik auch nur zu bemerken, geschweige denn zu mögen, aber das ist ein anderes Kapitel

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