Derek Raymond, Rebell?

von Thomas Wörtche

An Robin Arthur William Cook alias Derek Raymond (1931 – 1994) im Kontext der „Rebellen-Ausgabe“ der Polar Gazette zu erinnern, hat auf den allerersten Blick raison. Klar, Rebell, Außenseiter, one man commando, wie sein Kollege Jerome Charyn all die Literaten und Künstler bezeichnet, die unbeirrt von Moden, Zeitgeist, Cliquen oder sonstigen „Wir“-Sortierungen ihr Ding durchziehen.

     Rebellen rebellieren gegen etwas. Robin Cook, in eine reiche englische Fabrikantenfamilie geboren, hat vermutlich gegen seine Herkunft rebelliert, als er beschloss, ein im bürgerlichen Sinn prekäres Leben zu führen: abenteuerlich, hier und da ein wenig kriminell, immer riskant. Als Kriegsreporter, Tagelöhner, Pornoproduzent, Schmuggler, Weinbauer und was man sonst so alles treibt zum Durchkommen, wenn man kein zögerlicher Typ ist, und irgendwo Geld herkommen muss, um das zu finanzieren, was man machen muss. In diesem Fall: schreiben. Und dass die Erfahrungen, die man macht, wenn man dergestalt „rumkommt“ in der Welt, in die Texte eingehen, ist nur logisch. Das gilt geographisch – ab einem gewissen Zeitpunkt wurde das UK für Robin Cook zu unerfreulich, er wich in die USA aus, nach Algerien, später in die Romania: Nach Spanien und dann in seine Wahlheimat Frankreich, ins Massif Central, in „the middle of nowhere“, bis er dann doch zum Sterben nach London zurückkehrte. Und es gilt sozial – er kannte Gangster, Bullen, Huren, Politiker, lowlifer und night owls, bar flies und alle möglichen und unmöglichen Gestalten  – und alle hatten sie Stimmen in seinen Romanen. Reflektierend hat er dieses Leben in einer Art Autobiographie, die eher ein Manifest und Poetologie seiner Literatur ist, beschrieben: „The Hidden Files“.

     Seine Romane sind grimmige, literarisch brillante, wütende, rohe, exzessive, extrem gewalttätige, poetische, sensible und so ziemlich alle Grenzen überschreitende Exkursionen in die menschliche Gesellschaft. Allesamt „Kriminalromane“ – die aus einer früheren Periode von 1962 bis 1982 wie „The Crust on its Uppers“ etc. eher weniger (sie gibt es auch nicht auf Deutsch), – die seit 1983/84 („He Died with His Eyes Open“) bis zu seinem Tod explizit als cop novels: Die sog. „Factory“-Serie um einen namenlosen Sergeant, deren bekanntestes Buch auch gleichzeitig der Roman ist, der am engsten mit dem Namen Derek Raymond verbunden ist: „I was Dora Suarez“ (1990) – und die stand alones „Nightmare on the Street“, „Dead Man Upright“ und „Not till the Red Fog Rises“. Auf die oft unglückliche deutsche Publikationsgeschichte möchte ich hier nicht eingehen, sie ist eine literaturbetriebliche Skandalposse sui generis.

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