Liebe Leserinnen und Leser,

wie gerne sehen wir uns doch als Rebellen, die nicht alles mit sich machen lassen. Die dem Chef sagen, dass er auch mal zuhören soll. Die den Nachbarn rausklingeln, weil sein Hund die ganze Nacht kläfft. Die beim Bier oder Wein sitzen bleiben, obwohl sie eigentlich nach Hause müssten. Es gibt sie in der Politik wie in der Religion, wie in der Wissenschaft, wie im Sport. Meistens fühlen sie sich als Rebellen, ohne dass es jemand außer ihnen bemerkt.  Nicht selten gehört ihnen unsere Zuneigung. Da traut sich jemand was. Und wehe, wenn wir erst mal aufbegehren würden. Dann zittert die Welt!

Besonders gut aufgehoben sind sie allerdings zwischen zwei Buchdeckeln. Da können sie nicht nur im Verlauf von knapp 600 Seiten Gefahren meistern, allen Verlockungen widerstehen oder scheitern, wie niemand zu scheitern wagt. Was schon Samuel Beckett wusste. Rebellen sind keine Revolutionäre. Rebellen haben einen Wutausbruch gegen die Welt. Oftmals schießt das Feuer empor und erlischt, oder die Welt erweist sich doch als die Stärkere. Ein tiefes Gefühl der Scham bewegt sie angesichts einer Schmach, die sie erlitten haben. Und sei es, dass sie nur haben ohnmächtig zusehen müssen, wie ein Unrecht geschah.

Die Oktober-Ausgabe der Polar Gazette sieht sich die Rebellen genauer an. Thomas Wörtche fragt sich, muss ein Autor ein Rebell sein, um gute Romane zu schreiben? Und frischt seine Erinnerungen an Derek Raymond auf. Carsten Germis geht das Wagnis ein, Rebellen unterschiedlichster Natur nachzuspüren und vergleicht James Sallis „Driver“ mit Tomotake Ishikawas „Grau“. Wie es auf der Seite der weiblichen Rebellen aussieht, diese Frage beantwortet Romy Fölck. Aber da gibt es ja noch diese Überrebellen aus Film und Fernsehen. Sind sie besser als jene im Buch? Niemand trägt seinen Mantel so lässig wie DI Luther. Gut beleuchtet, durch schnelle Schnitte und krudes Personal zum Rebellen erkoren. Michaela Hövermann vergleicht private wie dienstliche Abgründe und stellt die Frage nach dem Überleben des Rebellen in unserer modernen Medienwelt. Weegee hat das alles schon hinter sich. Er war zu seiner Zeit der angesagteste Sensationsreporter New Yorks. Nicht erst seit „Naked Lunch“ erscheint er heute wie ein Chronist, der die Frage stellt, kommt die Wahrheit nur zutage, wenn ich mich traue, meine Kamera da hinzuhalten, wo die Kollegen sich abwenden? Was wiederum die Frage nach dem Polar an sich aufwirft. Was will er? Was ist er? Sollte er gar der Rebell im Roman Noir sein?

Das Gute am Rebellentum ist, man muss nicht unbedingt unter Beweis stellen, dass das eigene Aufbegehren alltagstauglich ist. Parolen verhallen, Autoren verschwinden, Bilder in Schwarz-Weiß wandern ins Museum.

Wie gerne würden wir ein Rebell sein. Auch wenn nicht jeder Rebell ein guter Rebell ist. Er muss schon zu uns passen.

Viel Spaß beim Lesen

Ihre

Polar Gazette