Nachdenken über pulp

von Thomas Wörtche

Pulp“ kann man kaum denken, ohne automatisch „Fiction“ zu ergänzen. Nach 20 Jahren „Pulp Fiction“ im Kino, im Fernseh´, auf VHS und DVD ist das vermutlich kollektiv so eingeschliffen.  Dabei soll ich doch über „pulp“ schreiben.  Aber so einfach geht das nicht, und deswegen müssen wir doch bei Tarantino anfangen.

    „Pulp Fiction“ ist ein lustiger Film, mit vielen Schauwerten, vielen, vielen Zitaten und vielen, vielen Stars, die sich ältere pulpige Filmemacher wie Roger Corman oder Russ Meyer ein paar Dekaden zuvor strukturell nicht hätten leisten können. Und dass ein bisschen nicht-linear erzählt wird und der Film Episodenstruktur hat und vor allem in Sachen Populäre Kultur gnadenlos selbstreferentiell ist, ist für das Jahr 1994 nun wirklich keine große Überraschung.  Fein, Travolta liest Modesty Blaise auf dem Klo (wo er, wenn ich mich richtig erinnere, flugs erschossen wird – zur Strafe? Oder als besonders schöner Tod?), das fand ich eine nette Idee, zumal das multimediale Konzept von Peter O´Donnells Figur in den 1960ern und 1970ern  schon ziemlich avanciert(er) war – auch gendermäßig. Wenn auch keineswegs pulp. Aber lassen wir das …

    Und was hat das alles mit pulp fiction zu tun? Klar, der Film ist eine Hommage an eine Kultur, die nicht sehr präzise definiert ist: Populär, nicht elitär, bunt, schnell, vulgär, obszön, gewalttätig, billig, direkt, schmutzig, fies, „demokratisch“, unterhaltend, aufregend, spannend, nicht auf den Kopf, sondern auf den Bauch zielend.  Und in den Zeiten der Zitat-Kultur alles, was unter überdreht fällt, ironisch, übertrieben, untertrieben, gegebenenfalls parodiert, persifliert, travestiert et cetera. Roberto Rodriguez & Co. Und so weiter. Alles, was Spaß macht. Alles, was schreckt. Alles, was „unernst“ ist, aber vielleicht doch noch einen „ernsten Kern“ zu haben behauptet.  Also so sein soll wie Tarantinos Film. Von mir aus also „Pulp Fiction“ als pulp fiction, was bis jetzt immer noch kein brauchbarer Terminus ist. Sondern nur eine Verständigung über Dinge, die bestimmte Menschen mögen. So gesehen, sind auch James-Bond-Filme pulp fiction, die Molekularküche und andere trendige Zeitgeistdinger – bitte ergänzen Sie Ihr Lieblingsbeispiel.

Pulp Magazine waren auf billigem Papier gedruckte Anthologien, die verschiedene Texte verschiedener Autoren aus unterschiedlichen oder je nachdem bestimmten „Subgenres“ versammelten, grelle Cover und ein Massenpublikum mit nicht allzu hoher Kaufkraft als „Zielgruppe“ im Auge hatten. Es gab Pulps für Science Fiction (Astounding), Crime Fiction (Black Mask), Horror (Weird Tales) und so weiter und so fort. Die Blütezeit der pulps waren die USA der 1930er- bis 1950er-Jahre – natürlich gab es europäische Ableger. Die Qualität der Texte war extrem unterschiedlich, die Spannweite reichte von faschistoidem Unfug bis zu feinsten Texten feinster Autoren wie von Ray Bradbury, Raymond Chandler, Dashiell Hammett oder Jack Vance. Als der Buchmarkt sich veränderte und die gesamte Medienlandschaft auch, stiegen die einen aufs Paperback-Original um, andere wanderten ins Hardcover, andere verschwanden, und so ging die Literaturgeschichte ihren Weg. Die einen wurden berühmt, andere vergessen – wer was wurde, war nicht immer gerecht. Und seitdem gibt es immer berufene Jünger, die den einen oder anderen vergessenen pulp-Autor wieder ausgraben, auf ihn hinweisen, ihn wiederzubeleben versuchen und dabei den „Kanon“ attackieren, der solche Autoren der Vernichtung preisgegeben hat.

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